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Schrägsteher

Schrägsteher sind mit ungefähr fünf Zentimeter Gesamtlänge die optimalen Kleinfische für ein mit südamerikanischen Fischen besetztes Gesellschaftsaquarium. Dieser Besatz ist besonders interessant, wenn viele „ökologische Nischen“ des Aquariums belegt werden.

Die natürlichen Gewässer kann man grob in drei Bereiche unterteilen: 1. Bodengrund und Substrate, 2. Freiwasser und 3. Oberfläche.

Schrägsteher halten sich überwiegend im oberen Bereich des Beckens auf. Zu ihnen passen besonders gut die Beilbauchfische (etwa Carnegiella strigata strigata), die mit ihrer Körperform und ihrem oberständigen Maul bestmöglich an ein Leben unter der Oberfläche angepasst sind. Panzerwelse wie die Corydoras-Arten eroberten in ihrer Entwicklungsgeschichte den sandigen Bodengrund. Mit ihrem unterständigen Maul durchwühlen sie den Sand nach Fressbarem. Harnischwelse (beispielsweise die Arten aus der Gattung Otocinclus) saugen sich mit ihrem speziellen Fressorgan gern an Substraten wie Wurzeln (Bereich 1) fest.

In der unteren Zone des Freiwassers bewegen sich die im Schwarm schwimmenden Neonsalmler (Paracheirodon innesi), in der Mitte die Zitronen- (Hyphessobrycon pulchripinnis) und Kupfersalmler (Hasemania nana). Alle drei Fischarten haben endständige Mäuler. In einem 120 Zentimeter langen Aquarium sollte jede von ihnen mit mindestens zwölf Exemplaren vertreten sein.

Aus der Familie der Cichliden würde ein Maronibuntbarschpärchen (Cleithracara maronii) prima dazu passen.

Diese Fischgesellschaft sorgt beim Beobachten stets für Abwechslung. Nicht immer werden sich die Fische an die Einteilung halten. So steigen die Panzerwelse zur Oberfläche auf, um Luft zu holen, und ein Schrägsteher wird einen leckeren Futterbrocken, den er auf dem Boden sieht, nicht verschmähen.

Aquariengestaltung
Alle Fische begnügen sich mit feinem Sand als Bodengrund und vielen Holzwurzeln. Die Pflanzen aus den Gattungen Echinodorus, Cabomba, Ludwigia und Sagittaria wären geeignet, um das Bild des südamerikanischen Besatzes zu komplettieren.

Das Wasser sollte einen pH-Wert von pH 6,5, einen Leitwert von 400 µS/cm und eine Karbonathärte von 2 bis 5 °KH aufweisen. Eine durchschnittliche Temperatur von 24 °C reicht bei dieser Fisch- und Pflanzenauswahl vollkommen aus. Ein wöchentlicher Wasserwechsel von 20 Prozent des Beckenvolumens mit einer Zugabe von Eisendünger sichert Gesundheit und Vitalität der Fische und Pflanzen.

In diesem Aquarium erlebt der Betrachter ein abwechslungsreiches Verhalten, die farbige Vielfalt der Arten sowie Entspannung, weil sich die Fische durch die Besiedelung der unterschiedlichen Bereiche nicht gegenseitig behelligen und sich wohl fühlen.

Schrägsteherarten

Die Schrägsteher gehören zur Familie der Schlanksamler (Lebiasinidae) und hier in die Unterfamilie Pyrrhulininae. Der Ichthyologe Weitzmann revidierte 1966 die Gattung Nannostomus Günther, 1872, zu der die Bleistiftfische oder Ziersalmler, wie sie im englischen und im deutschen Sprachgebrauch auch genannt werden, gehören. Hier sind etwa 20 bekannte Aquarienfische vereinigt. Die Schrägsteher unterscheiden sich von den anderen Arten durch ihre namensgebende Schwimmhaltung. Sie bewegen sich in einem Winkel von 45 bis 75 Grad mit dem Kopf nach oben durch das Wasser. Hoedeman stellte für sie 1950 die Gattung Nannobrycon auf. Manchmal findet man in der Literatur noch die von Eigenmann 1909 publizierte Gattungsbezeichnung Poecilobrycon, die jedoch wie Nannobrycon als Synonym einzustufen ist.

Wenn man Schrägsteher genau betrachtet, kann man zwei Arten und verschiedene Farbformen un-terscheiden: Nannostomus eques (Spitzmaul-Ziersalmler) und Nannostomus unifasciatus (Einband-Ziersalmler). Früher gab es noch die Art Poecilobrycon ocellatus Eigenmann, 1909 (Typusfundort Wismar in Guyana); dabei handelt es sich jedoch um ein Synonym zu Nannostomus unifasciatus. Bei diesen Tieren ist ein schwarzbrauner Fleck auf der Schwanzflosse von weißen und orangeroten Farben umgeben.

Manchmal kann man in Zoohandlungen auch goldfleckige Einband-Ziersalmler erwerben. Diese Färbung beruht auf einer nicht selten vorkommenden Infektion der Fische mit Bakterien, die jedoch keinen negativen Einfluss auf die Gesundheit der Tiere hat.

Viele Schrägsteher unterscheiden sich je nach Herkunft auch durch intensiv leuchtende Längsbänder, die teilweise goldgrün glänzen. Das große Verbreitungsgebiet von Kolumbien und Venezuela über Guyana bis Brasilien und Peru hält sicher noch viele Farbformen parat.

Im Standardsortiment des Zoohandels findet man meist den Spitzmaul-Ziersalmler (Nannostomus eques) im Angebot.

Futter
In den Naturgewässern kommen beide Arten häufig gemeinsam vor. Die Fische stehen gern zwi-schen den Pflanzenstängeln. Bergleiter schrieb, dass N. eques im Igarapé Nazaré am Unterlauf des Rio Xingu in kleinen Trupps von bis zu zehn Tieren erscheint, während N. unifasciatus in größeren Schwärmen von bis zu 50 Tieren auftritt. Der eine pickt gern in den oberen Zonen des Gewässers Zuckmückenlarven und -puppen sowie Wassermilben aus den Cabomba-Beständen heraus, der andere zupft mit Vorliebe an Substraten wie Seerosenstängeln. Bei Magenuntersuchungen fand man vorwiegend Kieselalgen. Im Aquarium begnügen sich beide Arten mit gutem Flockenfutter. Gern fressen sie zusätzlich Fruchtfliegen, Wasserflöhe, Grindal, Mückenlarven und Artemia-Nauplien.

Sozialverhalten
Gegenüber anderen Fischen verhalten sich Schrägsteher zurückhaltend. Sie leben ihr eigenes Leben und sind dabei bedacht, ungestört von allen anderen Beckenbewohnern ihren Interessen nachzugehen.

In meinem Aquarium zeigte N. eques ein stärkeres Sozialverhalten als N. unifasciatus. Beide Arten sollten mindestens in einer Gruppe von acht Tieren gehalten werden. Sonst neigen beide zu innerartlichen Streitigkeiten. Übergriffe auf andere Fische konnte ich nicht beobachten.

Schwimmverhalten
Der deutsche Name sagt alles über das Schwimmverhalten aus. Die Fische bewegen sich mit vibrierenden Brustflossen und einer „um Ausgleich bemühten“ Schwanzflosse steif wie ein schräg gestellter, schwimmender Bleistift – daher auch der Name „Bleistiftfische“. Will man sie fangen, verändern sie rasch ihre Schwimmlage, geben die Schrägstellung auf und schießen wie kleine Torpedos durch das Becken. Aus den langsamen Bleistiften werden in Sekundenbruchteilen kaum noch zu erwischende Raketen.

Die schräge Haltung und der Kontrast von hellen und dunklen Binden machen die Schrägsteher in ihren Heimatgewässern zwischen Pflanzenstängeln für Fressfeinde fast unsichtbar. Sie tarnen sich mit ihrer Körperfarbe und ihrer Schwimmweise und schützen sich so vor Räubern.

Paarungsverhalten
Bei N. eques geht es zärtlicher zu als bei N. unifasciatus. Das Männchen, das leicht an den weißen Spitzen der Bauchflossen zu erkennen ist, begleitet das fülligere Weibchen auf der Suche nach geeigneten Laichplätzen durch das Aquarium. Das Weibchen hält dabei die Schrägsteher-Schwimmhaltung immer bei, während der Partner seine Lage ändern muss. Er „reitet“ auf dem Weibchen, indem er immer wieder leicht mit seiner Schnauzenspitze auf den Kopf des Weibchens tippt. Das gelingt nur, wenn er fast waagerecht schwimmt. Die Laichplatzsuche gestaltet sich sehr ruhig und bedächtig – fast ehrwürdig. Immer gibt das Weibchen den Kurs an und legt auch den Laichort fest.

Sobald das Weibchen sich entschieden hat, lehnt es sich sanft zur Seite an das Substrat, der Partner wechselt die Position und legt sich neben das Weibchen. Er umschließt deren Laichaustrittsöffnung mit der Afterflosse. Meist gibt die Partnerin drei Eier auf die Flosse des Männchens ab, wo sie befruchtet werden.

Nach der Laichabgabe versucht das Männchen, die Eier an das Substrat zu heften. Es sucht dabei immer Orte aus, die dem Licht abgewandt sind. Häufig fallen Eier auf den Boden. In der Regel umfasst ein Gelege 50 bis 80 Eier. Ein gut gefüttertes Weibchen brachte es bei mir einmal auf über 100 Stück.

Beim Einband-Ziersalmler fehlt das „Ehrwürdige“ vollkommen. Ein dominantes Männchen traktiert ein laichreiches Weibchen fortlaufend. Es verfolgt es und beißt es nach kurzen und schnellen Angriffen. Dem Weibchen bleibt nur noch übrig, sich senkrecht zu stellen, damit das Männchen die Attacken einstellt. Die vom Männchen umkreiste Partnerin dreht sich dabei auf der Stelle um die eigene Achse. Ihr heller Bauch weist dabei meist auf den Partner und macht deutlich auf sie aufmerksam. Dieses Spiel treibt das Paar über den gesamten Laichfortgang. Unterbrochen wird es nur durch das Ablaichent. Während bei N. eques
das Weibchen lange nach einem Ablaichplatz sucht, schwimmt das N.-unifasciatus-Weibchen urplötzlich an eine dunkle Stelle – das kann der Schatten unter einem Blatt oder einer Wurzel sein – und legt sich an das Substrat. Das Männchen schwimmt sofort zu ihm, legt sich an es und umschlingt mit der Afterflosse seine Laichaustrittsöffnung. Nach der Abgabe der Geschlechtsprodukte heftet das Männchen die Eier schnell an das Substrat und beginnt sofort wieder, das Weibchen zu treiben und zu beißen.


Geschlechtsunterschiede
Beim Einbinden-Ziersalmler lassen sich die Geschlechter nicht so einfach wie beim Spitzkopf-Ziersalmler unterscheiden. Laichreife Weibchen sind in der Regel fülliger als die sehr schlanken Männchen. Beim genauen Hinschauen ist ein Unterschied in der Afterflossenform zu entdecken. Die Anale der Männchen ist eher rund, die der Weibchen scheint gerade abgeschnitten zu sein. Dieses Merkmal ist nicht immer gut zu erkennen, weil die Fische die Afterflosse meist angelegt tragen.


Jungfischentwicklung
Wunderschön ist die Aufzucht der kleinen Schrägsteher. Bei N. eques tragen die Larven schon braune Zeichnungen, und fünf Tage nach dem Schlupf treiben die Kleinen im Schwarm unter der Oberfläche und jagen kleinstes Zooplankton. Nach etwa fünf Wochen messen sie bei 27 °C bereits zwei Zentimeter Länge.

Nachtfärbung
Wie viele Nannostomus-Arten hat auch der Spitzkopf-Ziersalmler eine Nachtfärbung. Er löst dabei seine Längsbänder auf und bildet schräge Binden auf hellem Grund aus. In der Nacht sucht er seinen Schlafplatz meistens direkt unter der Wasseroberfläche in der Nähe von Schwimmpflanzen oder deren Wurzeln.

Der Einband-Ziersalmer hat eine weniger ausgeprägte Nachtfärbung. Die Längsbänder lösen sich nur leicht auf, und unter der Rückenflosse sowie auf der Schwanzwurzel zeichnen sich leicht grau getönte Schrägstreifen ab.

Manchmal lohnt es sich, auch zu nachtschlafender Stunde mit einer Taschenlampe ausgerüstet seine Aquarienbewohner zu beobachten.


Literatur
Bergleiter S. (1993): … und das fressen sie wirklich! D. Aqu. u. Terr. Z. (Datz) 46 (12): 784–789.

Autor: Rudolf Suttner


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