margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Josef H. Reichholf. 196 Seiten, 34 Abbildungen, gebunden. Matthes & Seitz, Berlin, 2017. ISBN 978-3-95757-462-6. 28 €

Sie sind der treue Bewacher des Hauses, die eigenwillige Mäusefängerin, das Schmu­se­tier mit weichem Fell oder der Lieferant von Frühstücksei und eingeschweißtem Supermarkt-Steak.
Haustiere – der Städter denkt dabei an Hund und Katze und vielleicht an die Hamster oder Meerschweinchen im Kinderzimmer. Vermeintlich bestens vertraut, erscheint uns ihre Gegenwart geradezu selbstverständlich, keiner weiteren Begründung bedürftig.
Neben den „echten“ Hausgenossen glaubt man sich auch mit der breiten ­Palette an domestizierten Nutztieren in der Landwirtschaft gemeinhin gut auszukennen. Doch was weiß man – bei Licht betrachtet – wirklich über Pferd, Rind, Huhn und Schwein? Und warum wurden ausgerechnet sie mit großem Aufwand über viele Generationen aus den Wildformen gezüchtet? Wann und unter welchen Umständen geschah das? Wie kommen Kaninchen, Hamster und Meerschwein ins Kinderzimmer oder die für Wettflüge abgerichtete Taube in den Schlag unterm Dach? Und was trennt nun wiederum Haus- und Wildtier tatsächlich voneinander?
Der renommierte Zoologe Josef H. Reichholf hat in der sehr ambitionierten und hochwertig gestalteten Reihe „Naturkunden“ des Matthes & Seitz-Verlags einen ungewöhnlichen Überblick über die Haustiere vorgelegt. Die ausgesuchten Illustrationen bestechen durch eine lebensechte Darstellung und wirken zudem angesichts der allgegenwärtigen Fotoflut angenehm zurückgenommen, auf das Wesentliche beschränkt.
So unterschiedlich die domestizierten Arten auch sind, begleiten sie den Menschen doch seit unzähligen Generationen, manchmal seit vielen tausend Jahren, und versorgen ihn mit Fleisch, Milch oder dem Grundstoff wärmender Bekleidung. Sie bieten Schutz gegen Bedrohungen durch andere Menschen oder Tiere. Manchmal sind sie schlicht eine angenehme Gesellschaft.
Nicht selten aber werden Haustiere zur Projektions­fläche eigener Idealvorstellungen und Wünsche – und dabei in ihrem eigenen, tie­rischen Charakter und in ­ihren Bedürfnissen sehr zweifelhaft behandelt. Das sieht Reichholf bei den zum Partnerersatz gemachten ­Kuscheltieren ebenso wie bei den hochgezüchteten Schweinen der industrialisierten Landwirtschaft, die nur noch in der Rekordzeit von einem halben Jahr zur Schlachtreife gemästet werden. Aus den aufgeweckten, intelligenten und sozialen Schweinen, die in unseren Breiten einst zur Mast in
die nahrungsreichen Eichen- und Buchenwälder getrieben wurden, sind unförmige, draußen überhaupt nicht mehr lebenstüchtige Fleischfabriken auf vier Beinen geworden.
Und der schmale Grat zwischen der Nutzung und dem Missbrauch des Tieres wird an vielen Stellen deutlich. Wie sehr das Antlitz der Welt durch die riesigen Viehbestände geprägt wird, etwa durch die dort fremden Schafe in Australien und Neuseeland, und welche Mengen Treibhausgase sie ausstoßen, ist natürlich bekannt. Der verheerende Einfluss der – noch dazu sehr leicht verwildernden – Ziegen schon weniger.
Dass der Fleischverbrauch der Hunde und Katzen in Deutschland dem der Menschen des kompletten Nachbarlandes Österreich entspricht und allein die Hunde und Katzen der USA – als eigene Nation berechnet – als Verbraucher die Nummer fünf in der Welt ­einnähmen, lässt den Zoo­logen nicht ganz zu Unrecht ein paar Karottenscheiben ins Futter seines eigenen Hundes mischen.
Reichholf findet durchaus deutliche Worte für das, was im Umgang mit Haus­tieren seiner Ansicht nach falsch läuft. Doch wird er ­dabei nicht belehrend und streut immer wieder schöne Anekdoten ein – wie über ­jenes Münchener Wildschwein, das jeden Tag zur selben Zeit eine Waldgaststätte besuchte, um sich eine Flasche Bier abzuholen und sie kunstfertig und mit sichtlichem Vergnügen zu leeren.
Bei fast allen beschriebenen Tieren stellt sich die Frage, wie sie begann, die Gemeinsamkeit mit dem Menschen, das Verlassen der Wildnis, die Umstellung auf ein Leben, das vom Menschen kontrolliert und gerade bei der Partnerwahl bis zum Exzess fremdbestimmt wird. Obwohl der Hund uns von allen tierischen Gefährten am längsten begleitet und sich evolutionär bis hin zur Angleichung der Relation von Gehirngröße zu Körpermasse dem Menschen angenähert hat, ist nach wie vor heftig umstritten, wann und wo der Wolf nun wirklich zum Hund wurde.
Von der romantisierenden bis etwas verstörenden Vorstellung, Menschenfrauen hätten verwaiste Wolfswelpen gesäugt und damit die Initialzündung zur Hundwerdung gegeben, ist man längst abgerückt. Vielmehr drängt sich beim Hund das am deutlichsten auf, was auch bei fast allen anderen Haustieren diskutiert und von Reichholf sehr anschaulich beschrieben wird: Die selbst gewählte Annäherung des Wildtiers an den Hominiden, um von dessen (Jagd-)Abfällen oder Schutz zu profitieren.
Dieses Begleiten aus der Halbdistanz könnte etwa beim Hund viele Jahrtausende gedauert haben. Nicht nur die Dingos Australiens zeigen, wie erfolgreich Haushunde wieder verwildern können. Selbst im neuen Jahrtausend lebt ein beträchtlicher Teil der Hunde weltweit nicht als verzärtelte Wohnungsgenossen, sondern als Straßenhunde in einer sehr ambivalenten Form nebenher.
Auch das ist ein roter
Faden in Reichholfs Buch: Kann man Haus- und Wildtier überhaupt sauber von­einander scheiden? Immer wieder verschwimmt die Trennlinie zwischen „domestiziert“ und „wild“. Denn ist eine auf körper­liche Nähe versessene Katze wirklich das auf den „Dosenöffner“ angewiesene Haustier, wenn sie selbst einen Umzug des Halters nicht mitmacht und lieber eigenständig in die alte Heimat zurückwandert, sich jedem Fangversuch widersetzt und ohne jede Not komplett verwildert?
Und nicht völlig überzüchtete Rassen verschiedenster Haustiere sind vielfach verwildert. Ziegen, Rinder, Schweine, Pferde sind nur einige Beispiele. Manche Stadtparkente hat eine bunte Mischung von Haus- und Wildblut in sich, lebt innerhalb der Stadt wild, verlässt sie aber nicht mehr, hat sich an diesen berechenbaren ­Lebensraum angepasst. Ist sie nun Haus- oder Wildente oder irgendetwas dazwischen?
Sind Plagegeister auch Haustiere? – Der besondere Clou des Buchs besteht darin, neben den vom Menschen ausgewählten oder zumindest gezielt auf bestimmte Eigenschaften weitergezüchteten tierischen Begleitern auch jene Mitbewohner zu den „Haustieren“ zu zählen, die man gemeinhin eher als Plagegeister oder veritable Schädlinge loszuwerden versucht: die Mäuse und Ratten, Spinnen, Fliegen, Schaben oder die ­rabiaten Untermieter Steinmarder und Waschbär.
So ist Kassel die Hauptstadt der Waschbären, Ber­-lin jene der Fledermäuse. Längst sind die strukturreichen und jagdfreien Großstädte „wilder“ als das sie umgebende Land – oder die Wildtiere vielleicht einfach „selbst-domestizierter“, als man glauben möchte?
Am Ende zählt der Autor gar Parasiten wie Läuse und Wanzen dazu. Schüttelt man bei der ersten Durchsicht der Kapitel darüber noch entschieden den Kopf, besticht diese Idee doch bei der ru­higen Lektüre umso mehr.
Reichholf beschreibt die Ausrichtung und Speziali­sierung dieser ungewollten Begleiter sehr gut. Und wer hätte jemals über Kleiderlaus, Kopflaus, Kleidermotte, Wanze, Hausstaubmilbe & Co. als spannendes Tier und nicht zuerst als Gegenstand der Bekämpfung nachgedacht? Eine tiefgreifende Sympathie wird man für das „Ungeziefer“ beim Lesen sicher nicht entwickeln, aber einer ganz eigentümlichen Faszination kann man sich schwer entziehen. Und wer hätte gedacht, dass man bei manchem Plagegeist wie der Hausratte oder der Tapetenmotte fast schon über Schutzmaßnahmen nachdenken müsste?
Die Kapitel zu den einzelnen Arten oder Gruppen sind knapp und übersichtlich gehalten. Ein kleiner Wermutstropfen: Ausgerechnet die Wasserwelt im Garten und Wohnzimmer wird komplett ausgespart. Dabei haben Menschen seit Jahrtausenden eine beträchtliche Energie darauf verwandt, Fische in Teichen und Bassins zu pflegen – ob als Nahrungsquelle oder zur „Zierde“. Psychologisch und evolutionsbiologisch hätte diese Beziehung sicher einiges Material geliefert.
Manchmal würde man sich auch noch ausführ­lichere Erklärungen, stärkere Vertiefungen wünschen. Das Werk ist jedoch insgesamt ein guter Überblick auf dem derzeitigen Stand des Wissens – und immer wieder tauchen überraschende Gedanken und Theorien auf, die gerade ein unkonventioneller Autor wie Reichholf sehr anschaulich zu begründen vermag. Hier erkennt man den denkfreudigen Zoologen, den argumentationsfreudigen Außenseiter, der in der Vergangenheit schon den Ursprung der Schönheit ergründet oder die Arten­vielfalt als Ergebnis des ­Mangels und keineswegs des Überflusses begriffen hat.
Besonders empfehlenswert ist „Haustiere“ sicher als fundierter Einstieg für Kinder und Jugendliche, die einerseits nicht überfordert, andererseits aber hinreichend herausgefordert und zu originellen Gedanken über unsere engsten Begleiter angeregt werden. Die Älteren bekommen reichlich Gelegenheit, alte Gewissheiten und überholtes Schulwissen zu prüfen – und nicht selten über Bord zu werfen.

Alexander Pentek

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxHerausgegeben von Peter van der Sleen und James S. Albert. 190 Farbfotos und 700 Zeichnungen, 464 Seiten, Softcover. Princeton University Press. ISBN-10 0691170746; ISBN-13 978-0691170749. Etwa € 45,50 (Print), € 34,12 (Kindle-Version)

Nun ist es endlich erhältlich, ein „Muss-Haben-Buch“ zumindest für (Süßwasser-)Fisch-Fans, die an südamerikanischen Arten interessiert sind: der „Field Guide to the Fishes of the Amazon, Orinoco & Guianas“, herausgegeben von Peter van der Sleen und James S. Albert.
Die Herausgeber haben es geschafft, dass so gut wie jeder, der in der südameri­kanischen Süßwasserfisch-Szene Rang und Namen hat, seinen Teil zu diesem Werk beitrug, von A wie Akama bis Z wie Zuanon. Sogar ei­nige Bilder der DATZ-Salmler-Hoffmänner finden sich in dem Buch. Allein die ­Liste der zum Inhalt der Publika­tion beitragenden Autoren umfasst 50 Namen und eineinhalb Seiten, die Danksagung enthält sicher über 100 Einträge, ich habe sie nicht gezählt.
Die Vorworte stammen aus den Federn zweier Autoritäten auf dem Gebiet der Amazonasforschung, Michael J. Goulding, wohl jedem Südamerika-Fischfan durch seine Bücher bekannt, und Luiz R. Mala­barba von der Federal University of Rio Grande do Sul in Porto Ale­gre, Brasilien. Jansen Zuanon vom INPA in Manaus hat die Korrekturen gelesen und ein Nachwort verfasst.
Bei diesem Feldführer handelt es sich natürlich nicht um ein Aquarienfischbuch, sondern um ein reines Bestimmungswerk. Der Field Guide behandelt auch nicht die gesamte Fischfauna der Neotropen, sondern nur die Fische von „Greater Amazonia“, die die Arten des Amazonas- und Orinoco-Einzugs sowie der Küstenflüsse der drei Guyana-Länder (Guyana, Surinam und Französisch-Guayana) umfasst, insgesamt ein Areal von etwa 8,4 Millionen Quadratkilometern (das entspricht un­gefähr 24-mal der Fläche Deutsch­lands, 100-mal dem Gebiet Österreichs und 200-mal der Größe der Schweiz).
Ziel der Veröffentlichung ist es, die Bestimmung aller Fische bis auf Gattungsebene zu ermöglichen. Die Herausgeber betonen, dass das Werk alle zurzeit bekannten Familien und Gattungen enthält, was sich bei der Zahl der jährlich neu erscheinenden taxonomischen Arbeiten zur südamerikanischen Fisch­fauna aber schnell ändern kann. Damit haben die Autoren sicher Recht, und schon beim Erscheinen dieses Buchs wurden sie von der aktuellen Taxonomie „überholt“, aber dazu später etwas mehr. Insgesamt werden in dem Guide circa 3.000 Arten aus 564 Gat­tungen, 63 Familien und 19 Ordnungen behandelt.
Das Buch ist in mehrere Abschnitte gegliedert. Vorworten, Danksagungen und Autorenliste folgt eine zehnseitige allgemeine Einführung, in der „Greater Amazonia“ definiert wird und Geschichte, Flusssysteme und Gewässertypen, Fischfauna und Artenzahl sowie Arten- und Umweltschutz behandelt werden; „Greater Amazonia“ wird hier in 20 weitere ökologische Regionen bezüglich der Verbreitungsgebiete der Fische unterteilt.
Es folgt eine dreiseitige Anleitung, wie dieses Buch zu benutzen ist, und dann geht es schon los mit dem Identifikationsschlüssel.
Die ersten neun Seiten bieten die Schlüssel zu den einzelnen Fischfamilien; hat man einen Fisch damit bis zur Familie bestimmt, wird man auf die entsprechende Seite zu dieser Familie verwiesen.
Auf den Familienschlüssel folgen 33 Seiten mit Fotos von diversen Arten aus allen Ordnungen und 60 (der 63 abgehandelten) Familien. Hier werden Farbaufnah­-men von Beispielarten auf schwarzem Hintergrund präsentiert, großteils Aufnahmen von lebenden Tieren, teilweise von konservierten Exemplaren. In diesem Teil finden sich die einzigen Fischfotografien des Buchs, und es enthält nur sehr ­wenige Landschafts- und ­Gewässeraufnahmen in der Einleitung. Sonst bietet es ausschließlich ausgezeichnete Strichzeichnungen der Fische sowie Landkarten.
Der Hauptteil des Werks, die Seiten 69 bis 402, umfasst die Schlüssel innerhalb der Familien, um die Fische ihren Gattungen zuzuordnen, angefangen mit den Bullenhaien (Familie Carcharhinidae) und endend mit den Kugelfischen der Gattung Colomesus (Familie Tetraodontidae).
Von allen Gattungen ist eine Beispielart mittels Zeichnung abgebildet, gelegentlich gibt es Detailgrafiken zu Bestimmungsmerkmalen. Es werden alle Arten der Gattungen genannt, ihr wissenschaftlicher Name sowie umgangssprachliche Bezeichnungen in Portugiesisch, Spanisch und Englisch. Zu jeder Gattung gibt es außerdem eine Verbreitungskarte.
Dem ausführlichen Bestimmungsschlüssel folgt ein zehnseitiger Teil mit Erklärungen von Fachbegriffen. Ein 56-seitiges Literaturverzeichnis, ein Fotoquellennachweis und ein fünfseitiger Index mit den wissenschaftlichen Fischnamen beschließen das Werk.
Der „Field Guide to the ­Fishes of the Amazon, Ori­noco & Guianas“ ist eine ein­zigartige Publikation, wie sie in dieser Form bisher noch nicht erschienen war. Eine komplette Übersicht über die Süßwasserfische des Amazonas- und Orinoco-Gebiets, das die artenreichste Süßwasserfischfauna unseres Planeten beherbergt, stellt auch einen ­Meilenstein in der ichthyologischen Literatur dar. Interessierte Aquarianer werden es lieben, in diesem Band zu schmökern, für in Südamerika reisende Liebhaber ist das Buch ein Muss, und auch für Biologen wird es wohl schnell zu einem Standardwerk werden.
Die Qualität von Druck und Abbildungen ist sehr gut, und bei einem für solche Werke doch erstaunlich günstigen Preis von rund 45 Euro gibt es für engagierte Liebhaber eigentlich keinen Grund, dieses Buch nicht zu kaufen. Es ist zwar in Englisch erschienen, aber zum Verstehen reichen bereits ­re­lativ geringe Sprachkenntnisse.
Der Field Guide wird zwar als komplette Übersicht der Fischfauna des Amazonas- und Orinoco-Gebiets angepriesen, aber die Herausgeber weisen, wie schon angemerkt, darauf hin, dass laufend neu erscheinende ichthyologische Arbeiten das Werk wohl bald nicht mehr ganz vollständig sein lassen werden.
Dass das Buch schon bei seinem Erscheinen (Ende Dezember 2017) nicht einmal mehr bezüglich aller Süßwasserfisch-Familien komplett sein würde, haben sie wohl gewusst. Im August letzten Jahres wurde nach ­einigem Hin und Her und ­etlichen ichthyologischen Diskussionen nämlich endlich die Beschreibung einer außergewöhnlichen wissenschaftlich neuen Art aus dem Amazonasgebiet veröffentlicht, deren systematische Einordnung die Biologen vor viele Rätsel stellte und die schließlich als Tarumania walkerae in einer eigenen neuen Familie (Tarumani­idae in der Ordnung der Salmlerartigen) platziert wurde (de Pinna et al. 2017).
Erstaunlich ist das deshalb, weil große Teile der Ichthyologen-Szene in Südamerika den (noch nicht ­publizierten) Namen – T. walkerae – schon lange kannten und einer der Ur­heber der Beschreibung, ­Jansen Zuanon, den Field Guide ja sogar als letzte In­stanz korrigierte.
Natürlich war die Arbeit bei Redaktionsschluss des Guide wahrscheinlich noch nicht pub­liziert, aber eine kleine Anmerkung, ohne den wissenschaftlichen Namen dieser sensationellen Art zu verraten, hätte man vielleicht doch anbringen können; die Publikation war schließlich jahrelang erwartet und der Fisch in der ­Szene weithin bekannt. Zumindest der Verfasser dieser Zeilen fand im Field Guide nichts darüber.
Das ändert aber gar nichts am Gesamteindruck der Publikation. Um mir ­unzählige Superlative zu er­sparen, charakterisiere ich sie mit einem Wort: Super!
Walter Lechner

Literatur
Albert, J. S., & R. E. Reis (Hg.) (2011): Historical biogeography of neotropical freshwater fishes. – Berkeley, Los Angeles, London. University of California Press.
De Pinna, M., J. Zuanon, L. Rapp Py-Daniel & P. Petry (2017): A new family of neotropical freshwater fish­es from deep fossorial Amazonian habitat, with a reappraisal of morphological characiform phylogeny (Teleostei: Ostariophysi). – Zoological Journal of the Linnean Society 20: 1–31.

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Harald Hauser. 68 Seiten, 15 Fotos, 16 Grafiken und Tabellen, Broschüre, Klammerheftung. biophil-Verlag, Brieselang, 2017. Bezug direkt vom Verlag, Ulmenweg 1 e, 14656 Brieselang, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. 15 €

Mit den Urzeitkrebsen Brandenburgs beschäftige ich mich bereits seit einigen Jahren und habe in dieser Zeitschrift auch schon einen ausführlichen Artikel dar­über veröffentlicht (DATZ 3 und 4/2013). Umso mehr freut es mich, dass zu den ­interessanten Tieren kürzlich ein kleines Buch erschienen ist.
„Urzeitkrebse“ ist kein wissenschaftlicher Terminus. Vielmehr wurde der ­Begriff von der Jugendzeitschrift „Yps“ geprägt, die in den 1980er-Jahren mit Artemia-Aufzucht-Sets als Beilage diese Tiergruppe ­einer breiteren Schicht bekannt machte. Die Bezeichnung hat sich als Populärname
für Großbranchiopoden oder Kiemenfußkrebse durchgesetzt. Er ist durchaus passend, handelt es sich bei diesen Tieren doch um stammesgeschichtlich sehr alte Organismen.
Besonders spannend an dieser Tiergruppe ist ihre ex­treme Anpassung an tem­poräre Gewässer, deren Trockenzeiten sie eingekapselt als Zysten (umgangssprachlich oft als „Eier“ bezeichnet) im Bodengrund verbringen.
In Brandenburg gibt es zwei Gebiete, in denen die sonst seltenen Tiere Vorkommens-Schwerpunkte haben, nämlich die Döberitzer Heide mit dem zu den Kiemenfüßern (Anostraca) zählenden Feenkrebs Branchipus schaefferi und dem zu den Rückenschalern ­(Notostraca) gehörenden Schildkrebs Triops cancriformis – beide Arten sind dort nur im Sommer in Pfützen zu finden – sowie, ganz in der Nähe, der Brieselanger Forst mit dem Feenkrebs Eubranchipus grubii und dem Schildkrebs Le­pidurus apus, beide ausschließlich im Winter in Schmelzwassertümpeln anzutreffen.
Harald Hauser, der seine Publikation im Eigenverlag herausbrachte, lebt in Brieselang und hat somit die wichtigsten Vorkommen direkt vor seiner Haustür. Sein Buch dient zur Bestimmung der Arten und zur Beschreibung ihrer Lebensweise und Habitate. Hinweise zur Aquarien- oder Gartenteichhaltung von Urzeitkrebsen hingegen sucht man vergeblich. Sie wären auch wenig sinnvoll, denn die einheimischen Arten sind entweder geschützt oder aufgrund der benötigten niedrigen Temperaturen im Aquarium gar nicht haltbar. Dazu eignen sich tropische Formen, die sich einfach im Internet beziehen lassen, viel besser.
So liefert der Autor eine ausführliche Einführung in das Thema „Was sind Urzeitkrebse?“, erläutert in verschiedenen Kapiteln „Körperbau und Verwandtschaft“, „Lebensweise“, „Lebensräume“, „Gefährdung und Schutz“.
Am „Fallbeispiel Brieselanger Forst“ wird die Ana­lyse von Gefährdung und Schutz der Großbranchiopoden in einem konkreten Lebensraum anhand eines Management-Plans für dieses FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU) im Osthavelland wiedergegeben.
Es folgen die Kapitel „Nutzung“, „Beobachten“, „Bestimmungsschlüssel“ und „Arten“. Dort werden alle in Brandenburg gefundenen Großbranchiopoden – Artemia salina, B. schaefferi, Tanymastix stagnalis, E. grubii, L. apus, T. cancriformis, Limnadia lenticularis und Lynceus brachyurus – mit Bestimmungsschlüssel und -zeichnung sowie einer Beschreibung ihrer Ökologie vorgestellt. Den Abschluss bildet eine his­torische Betrachtung zum Typusfundort der Spezies E. grubii beim „Alten Finkenkrug“.
Abgerundet wird das Werk mit einem kleinen Glossar und einem sehr ­umfangreichen Literaturverzeichnis.
Das Buch ist mit zahl­reichen Lebensraumfotos und Zeichnungen illustriert, auch mit großen Bestimmungstafeln. Damit wird es dem Naturfreund, der sich auf den Spuren Theodor Fontanes oder andernorts auf die Suche nach diesen faszinierenden Kleinkrebsen begibt, eine große Hilfe.
Florian Lahrmann

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxEin Bestimmungsbuch
Von Heinz Streble, Dieter Krauter und Annegret Bäuerle. 400 Seiten, 1643 SW-Zeichnungen, 66 Farb- und zwei SW-Fotos, Hardcover. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2017 (13. Auflage). ISBN 978-3-440-15694-0. 39,90 €

Im Jahr 1987 benutzte ich während meiner Diplom­arbeit die damalige Auflage des „Streble/Krauter“ zur Bestimmung von Planktonorganismen. Es war schon zu dieser Zeit das einzige deutschsprachige Bestimmungsbuch für Mikroor­ganismen der Stillgewässer mit umfassendem Anspruch.
Kürzlich legte der Kosmos-Verlag das Werk in der 13. Auflage vor. Mit Spannung griff ich daher zu dem neuen Buch – und hatte mein altes aus den 1980er-Jahren in der Hand!
Denn noch immer gibt es die grundsätzliche, alte Einteilung mit einem großen Bestimmungsteil, einem allgemeinen Text zur Einführung, einigen Farbtafeln und einem ausführlichen Register zum Abschluss. Sogar die Überschriften sind teilweise unverändert.
Geblieben sind auch die einfarbigen Zeichnungen der Organismen. Hier kann man geteilter Meinung sein. Zeigt die Zeichnung unvoreingenommen die wichtigsten Details und ist damit dem Foto von einem bestimmten Individuum überlegen? Oder ist es umgekehrt?
Aus meiner praktischen Erfahrung tendiere ich eindeutig zur guten Farbfotografie. Beispielhaft war hier der Kosmos-Algenführer aus dem Jahr 2004. Die wichtigsten Süßwasseralgen wurden komplett in Farb­bildern präsentiert, verpackt in ein sehr gutes Bestimmungskonzept. Leider schaffte es dieses Buch „nur“ in die zweite Auflage und verschwand dann wieder vom Markt. Es ist heute noch antiquarisch verfügbar und nach wie vor als ­Alternative zu empfehlen.
Gleiches gilt für die „Planktonkunde“ von Sand­hall & Berggren aus dem Jahr 1985. Ebenfalls bei Kosmos verlegt, ist es für mich immer noch ein Werk, das ich mit Gewinn bei meiner Arbeit einsetze. Auch hier gibt es das Erfolgsrezept: Farbfotos, kombiniert mit einer sinnvollen Auswahl von Organismen.
Der Text in der „Wasser­tropfen“-Neuauflage wurde teilweise deutlich überarbeitet und erweitert, doch leider in einer so ­komplizierten Fachsprache, dass der öfter erwähnte „Anfänger“ kaum eine Chance haben wird, das Dargestellte zu verstehen. Für den erfahrenen „Mikro­sko­piker“ (im Vorwort taucht diese Bezeichnung häufiger auf) sind die Beiträge vielleicht sinnvoll nutzbar. Leider fehlen jedoch Quellen­angaben, sodass der wissenschaftliche Wert nicht zu ­beurteilen ist.
Ärgerlich wird es, wenn veraltete Erkenntnisse in neuem Gewand daherkommen. Den Begriff „Blaualgen“ gibt es in der aktuellen Biologie nicht mehr. Die ­Cyanobakterien gehören zu den Bakterien und sind damit deutlich von den Algen zu trennen, was in der Neuauflage aber nicht beachtet wird. Das ist der Nachteil, wenn ein eingespieltes Herausgeber- und Autorenteam den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.
Für Schulen ist der Nutzen des Buchs leider nur gering. So wird noch der Heuaufguss propagiert, während in der Schulpraxis die Bedenken wegen potenziell gefährlicher Mikroorganismen solche Ansätze verbieten. Zum Einsatz von Kulturansätzen und Filmen über Mi­kroorganismen heißt es auf Seite 26: „Wegen Anschauungsmaterial für den Unterricht wendet man sich über Medienzentren an die Anstalten.“ Welche junge Lehrerin, welcher junge Lehrer soll damit etwas anfangen können?
Überhaupt die komplizierte Sprache, beispielsweise im Abschnitt über die biologische Gewässeranalyse (ab Seite 356): „Leitformen der Stufen für Biologische Gewässeranalyse ab Seite 365 sind hier der Datensatz für Indizes ohne Abundanzziffern und Indikationsgewichte auf der Basis Leitformen +, nicht mehr einstufbare, aber zu berücksichtigende Arten () und Formen ohne Anzeigewert – Vergleichsrechnungen ergeben sehr ähnliche Werte unabhängig davon, ob von den zu beurteilenden SI-Werte nach DIN oder S-Werte nach Pantle und Buck (16) wie in ‚Das Leben im Wassertropfen‘ errechnet werden.“ Noch Fragen?
Für mich bleibt die Frage: Wer ist die Zielgruppe dieses Buchs? Gibt es die „Mikro­skopiker“ überhaupt noch, die neue und seltene Formen von Mikroorganismen aus naturkundlichem Interesse sammeln? Ich glaube nicht. Wir haben zwar immer noch eine kleine Chance, junge Menschen für das Leben im Wasser makro- und mikroskopisch zu begeistern, doch wird diese Auflage des ­„Lebens im Wassertropfen“ dazu keinen Beitrag leisten. Und wenn dann noch auf Seite 364 ein „stabiles Boot mit Anker“ als Ausrüstungsgegenstand empfohlen wird, dann wird der Wunsch nach einer grundlegenden Neubearbeitung sehr groß.
Es lohnt sich nicht, den neuen „Streble/Krauter“ zu kaufen, wenn man schon eine frühere Auflage in seinem Regal stehen hat. Und für Neueinsteiger ist die „Modellpflege“ des Bestimmungsklassikers derart unglücklich ausgefallen, dass man das Buch etwa für Jugendliche und interessierte Leser ohne Vorkenntnisse – leider! – nicht empfehlen kann.
Soll das so wichtige Werk eine Zukunft haben, müsste für die 14. Auflage das gesamte Konzept über den Haufen geworfen werden. Sonst wird „Das Leben im Wassertropfen“ endgültig zum Anachronismus – und zwar nicht nur für den Verlag, sondern vielleicht auch als Thema im Schulunterricht und als spannende ­naturkundliche Freizeitbeschäftigung.
Hans-Peter Ziemek

 

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Gerhard Ott. 236 Seiten, 552 Farbfotos, Karten, Zeichnungen, Soft Cover. Tetra Verlag, Berlin, 2017. ISBN 978-3-897452-47-3. 19,90 €

Im Vorwort erzählt der Autor von seinem jahrzehntelangen Interesse an der Gruppe der Schmerlen. Wenn ein derart ausgewiesener Fach-Aquarianer sein Wissen zusammenstellt, verspricht das ein Feuerwerk an spannenden Informationen und Pflegehinweise eben von dem Kenner der betreffenden Fische.
Das Buch hält dieses Versprechen. Es startet mit einer Erläuterung der sys­tema­tischen Stellung der Schmerlenarten und einer allgemeinen Einführung in das Thema. Dass der Begriffsname „Schmerle“ von dem althochdeutschen Wort „schmie­rig“ abgeleitet werden kann, macht den Leser schon schlauer.
Reich bebildert ist jede Seite und vollgestopft mit ­Informationen. Da zeigt sich aber auch schon ein Gestaltungsproblem, das sich wie ein roter Faden durch das ­gesamte Werk zieht.
Für eine Art Zwischenformat (17 x 24 Zentimeter) mit zweispaltigem Layout gibt es wenig Gestaltungsspielraum. Hinzu kommen die kleine Schrift und eine un­ruhig wirkende Verteilung unterschiedlich großer Abbildungen. Jede Doppelseite springt den Leser förmlich an und erschwert dabei das Lesen. Überschriften und Zwischenüberschriften sind oft schwierig einzuordnen oder überhaupt zu finden.
Doch zurück zum inhaltlichen Aufbau. Abschnitt zwei beispielsweise schildert den Körperbau von Schmerlen.
Dann folgt der Teil mit den einzelnen Artbeschreibungen. Nicht weniger als 49 Gat­tungen aus zwölf Familien werden auf weit über 100 Seiten vorgestellt, eine wahre Fundgrube für interes­sierte Biologen und spezialisierte Aquarianer! Und ein schönes Beispiel dafür, was sich alles über eine relativ kleine Tiergruppe erforschen lässt und welchen wichtigen Beitrag die Tierhaltung zum Gewinn solcher Erkenntnisse leisten kann.
Kapitel zum Verhalten und zur Fortpflanzung von Schmerlen schließen sich an. Für den „normalen“ Liebhaber gibt es außerdem wichtige Tipps zur Haltung dieser Fische im heimischen Aquarium.
Warum dann allerdings noch ein Abschnitt „Vermehrung und Nachzucht“ folgt, erschließt sich dem Rezensenten (und dem Leser) nicht unbedingt. Das Kapitel zur Fortpflanzung hätte mit diesem Teil verbunden werden müssen.
Mit dem letzten Abschnitt – „Porträts von Schmerlenarten“ – geht die Unordnung aber noch weiter. Hier werden Spezies, die schon behandelt wurden, noch einmal aufgegriffen. Und man erhält erneut Informationen, die sich auch weiter vorn im Buch bereits verstecken. Ein sachkundiges Lektorat hätte solche Redundanzen sicher vermeiden und durch eine Straffung überflüssigen Text einsparen können. Den gewonnenen Raum hätte der Verlag für eine großzügigere Gestaltung nutzen können.
Das Buch schließt höchst merkwürdig abrupt. Auf der Seite 235 geht es noch um Laichansätze, aber dann – ist Schluss! Keine ­Lite­ra­­turhinweise, kein vernünf­tiges Abbildungsverzeichnis, kein Schlagwortregister, statt­dessen seltsam unpassende Reklameseiten.
Schade. So endet eine wirkliche Perle der aquaris­tischen Literatur im Chaos, und das bestimmt leider die endgültige Bewertung. Inhalt: Top! Gestaltung und Gliederung: ein Flop! Ich wünsche dem Buch eine Neuauflage in einem vernünftigen Rahmen. Schließlich bietet es alles zurzeit Bekannte rund um die behandelten Schmerlenarten.
Hans-Peter Ziemek