margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Giovanna Zoboli und Mariachiara di Giorgio. 32 Seiten, durchgehend bebildert, gebunden. Für Kinder von drei bis sechs Jahren. Bohem Verlag, Münster, 2017. ISBN 978-3-95939-056-9. 16,95 €

Zwei italienische Illustratorinnen mit Witz, mit Sinn für Details und Hintergründiges, zwei erfahrene Künstlerinnen, die in ihren liebevollen und charmanten Bildern zum Verweilen einladen, zum Suchen und Nachspüren und aus einem Bilderbuch ohne Worte eine bunte Geschichte erschaffen, zu der einem unweigerlich viele Worte einfallen.
Gerade noch träumt das Krokodil vom Dschungel, treibt, an einen Baumstamm gelehnt, auf einem Fluss, nichtstuend, faul in den Tag hinein lebend. Dann klingelt erbarmungslos der Wecker, und es heißt: Raus aus dem Traum und dem gestreiften Schlafanzug, auf zur Arbeit!
Eigentlich wäre das alles, was einen morgens beschäftigen kann, gar nicht so spannend. Waschen, anziehen, frühstücken, die passende Kleidung heraussuchen, zur U-Bahn eilen, sich über den einen oder anderen Zeitgenossen ärgern.
Wäre es eben nicht ein Krokodil, das sich – offenbar ohne, dass die Menschen sich wundern – in den Strom derer einreiht, die Morgen für Morgen zu ihrer Arbeit hetzen, noch verschlafen am Bahnsteig warten, sich teilnahmslos nebeneinanderstehend dem Rhythmus der Bahn hingeben, ohne den anderen überhaupt wahrzunehmen. Blumen für die ­Kollegin bringt Krokodrillo mit, sein Frühstück vom Imbiss.
32 Seiten hat das querformatige Buch, große und kleine Abbildungen, zahlreiche Details, Bilder, an denen es so Vieles zu entdecken gibt. Es ist ein quirliges Großstadtleben, in dem Krokodrillo zur Arbeit geht, es könnte irgendwo in einer großen Metropole sein, aber sicher nicht im afrikanischen Urwald, nicht in den „Sümpfen Südamerikas“. Dadurch, dass es aber ja ein großes, als gefährlich geltendes Tier ist, das da einfach „unseren Alltag“ lebt, wird die Geschichte ohne Worte plötzlich lustig, lebhaft, tanzt so aus der Reihe und reizt zum Selber-Erzählen.
Und natürlich bleibt die Frage: Wo arbeitet denn, bitte schön, Herr Krokodrillo? Das aber darf hier nicht ­verraten werden, nur so viel vielleicht: Er hat einen überaus angenehmen Arbeitsplatz, an dem er sich offensichtlich wohlfühlt, wenngleich es auch nicht das Leben aus seinem Traum ist. Aber so ist nun einmal der Alltag oft …
Barbara Wegmann

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Thomas Sterba. Mit naturhistorischen Illustrationen aus vier Jahrhunderten. 660 Seiten, 609 Abbildungen, ­Hardcover. Basilisken-Presse, Natur + Text GmbH, Rangsdorf, 2018. ISBN 978-3-941365-57-5. 149 €
Das Buch ist als 18. Band in der Reihe „Acta Biohistorica, Schriften aus dem Museum und Forschungsarchiv für die Geschichte der Biologie“ erschienen.

Der österreichische Gelehrte Karl von Meidinger (1750–1820) hat neben seinen of­fiziellen Professionen als Regierungssekretär für Niederösterreich später als Rats­protokollist bei den k. k. Landrechten unter der Ens zu Wien auf verschie­denen naturwissenschaftlichen Gebieten geforscht und dar­über publiziert.
Unter mehr als 60 Bei­trägen vorwiegend praxisbezogenen physikalisch-chemisch-merkantilen und botanischen Inhalts befinden sich auch seine von 1785 bis 1794 auf eigene Kosten herausgegebenen „Icones Piscium Austriae“, in ­denen er auf 50 handkolorierten und in fünf Heften zusammengefassten Kupfertafeln in folio 42 Fischarten und einige ­Varietäten aus dem Einzug der Donau wiedergibt. Leider haben die geringe Auflagenhöhe, der hohe Verkaufspreis sowie der spärliche Text in Latein eine weite ­Verbreitung des inzwischen nahezu vergessenen Werks verhindert.
Thomas Sterba gebührt das Verdienst, die Icones ­Piscium Austriae des Karl von Meidinger wiederentdeckt zu haben, sie hinsichtlich ihrer Qualität zu rehabilitieren und in Form des hier vorgestellten Buchs einem breiten Publikum zu präsentieren. Dazu hätte es nicht einer so voluminösen Pub­likation bedurft, die im Geleitwort von R. Kinzelbach als Jahrhundertwerk gelobt wird. Aber der Autor hat ­Meidingers Fischdarstellungen in einen größeren Rahmen gestellt, was den Wert seiner tiefschürfenden Arbeit erheblich steigert.
Ausgehend von der Präsentation und Bewertung der Meidingerschen Fischdarstellungen zieht Sterba einen Vergleich mit der ­ähnlich aufwendig illus­trierten „Oeconomischen Naturgeschichte der Fische Deutschlands“ von Meidingers Zeitgenossen, dem Berliner Arzt und Ichthyologen Marcus Elieser Bloch (1723–1799). Sie ist in den Jahren 1782 bis 1784 als erster Teil seiner später um die Naturgeschichte der ausländischen Fische erweiterten ­Allgemeinen Naturgeschichte der Fische erschienen, mit der Bloch trotz mancher Fehler zu einem der wichtigsten Ichthyo­logen der frühen nach-Linnéschen Periode werden sollte.
Als drittes Anliegen veranschaulicht der Autor die historische Entwicklung von Illustrationen und Kenntnissen zu jenen Fischarten, die in Karl von Meidingers Tafelwerk abgebildet sind. Dazu dehnt er den Zeithorizont vom frühen 16. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts aus und bezieht Fischdarstellungen von über 80 weiteren Urhebern in seine kri­tische Bewertung ein, wobei er neben den zoologischen und den künstle­rischen Gesichtspunkten auch allgemeine Aspekte im Verhält­-nis zwischen Mensch und Fisch berücksichtigt.
Dem Hauptteil des Werks, Meidingers Fischtafeln im historischen Vergleich, werden eine Einführung, die Kapitel „Die ichthyologische Illustration“, „Das Phänomen Fisch und seine Systematik“, „Karl von Meidingers Lebensdaten“ sowie eine Anleitung zur Nutzung des Buchs vorangestellt. Das Abbildungs- und Literaturverzeichnis, zwei Artenregister in Deutsch und Latein sowie ein Personen­index sind im umfangreichen Anhang zu finden.
Dem Verlag Natur + Text GmbH (Rangsdorf) gebührt Anerkennung dafür, dass er die Verwirklichung eines derart umfangreichen Themas ermöglicht hat, opulent ausgestattet mit vielen Illus­trationen, die eine Augenweide für den Betrachter darstellen. Damit hat sich der Verlag für weitere, ähn­liche Projekte empfohlen.
Nach Sterbas Analyse hat von Meidinger in 32 von 50 Fällen weitaus bessere Abbildungen als Bloch von den jeweiligen Arten oder Varianten geliefert, neun weitere sind den Blochschen Abbildungen mehr oder weniger unterlegen, und in ebenfalls neun Fällen hat von Meidinger Blochsche Abbildungen kopiert, ohne in jedem Fall auf deren Herkunft zu verweisen. In der Tat wirken viele Darstellungen in den Icones Piscium Austriae durchaus lebensnäher, teilweise auch präziser als die seinerzeit hochgelobten von Bloch, wobei es dem Rezensenten aber nicht immer gelungen ist, den Argumenten des Autors zu folgen.
Für den hohen „Gebrauchswert“ des Buchs ist diese spezielle Fragestellung aber nicht entscheidend. Wichtiger ist die mit viel ­Detailkenntnis und Akribie zusammengetragene Fülle an Informationen, die sich dem Leser bei der Lektüre der Kapitel über die Entwicklung der Fischabbildungen, der ichthyologischen Systematik und vor allem bei den anschließenden ausgesprochen ausführlichen Besprechungen der abgehandelten Arten erschließt.
Wem nützt ein solches Buch? Die Antwort lautet: jedem, der ein etwas tiefer gehendes Interesse an den vielfältigen Beziehungen der Menschen zu den Fischen und an deren Identi­fikation aufbringt. Unabhängig davon, ob er als Ichthyologe, Fischereifachmann, Angler, Ökologe, Faunist, Naturschützer oder Wasserwirtschaftler speziell die mit­teleuropäische Süßwasserfischfauna im Blick hat, ob er als engagierter Aquaria­-ner über sein spezielles In­teressengebiet hinausschauen möchte oder ob er als ­Wissenschaftshistoriker die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Illustration oder der zoologischen Forschung am Beispiel der Fische verfolgen will.
Die Zahl potenzieller Zielgruppen lässt sich noch um Bildungseinrichtungen wie einschlägige Hochschulinstitute, Bibliotheken und naturwissenschaftliche Museen erweitern, denen der Erwerb des Buchs empfohlen sei, nicht zuletzt auch für jene Interessenten, die es sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht anschaffen können oder wollen.
Ein paar Fehlinterpreta­tionen sind aufgefallen, die sich in einem dermaßen umfangreichen Werk wohl nicht ganz vermeiden ließen: Auf Seite 49 erwähnt der Autor die spätere Überführung des Kaulbarsches aus der Gattung Perca in das Genus Gymnocephalus, dessen „Nominalform“ er repräsentiere.
Mit dem unpräzisen Begriff „Nominalform“ könnten entweder die offiziellen Begriffe „Nominatform“, „nominelle Art“ oder aber die Typusart gemeint sein. Die ist allerdings für die Gattung Gymnocephalus nach Festlegung durch Bleeker (1876) der Schrätzer (für den unter anderem die Gattung einst von Bloch geschaffen wurde) und nicht der Kaulbarsch.
Die auf Seite 95 im Kapitel über die Güster erwähnten Taxa Cyprinus Buggenhagii Bloch, Abramis Leuckartii Heckel und Abramis Heckelii Selys-Longchamps haben nichts mit der Güster zu tun, weil es sich jeweils um Bastarde von Plötze und Blei handelt, was, wie der Autor auch erwähnt, von Siebold (1863) als Erstem aufgefallen war und von Zarske in jüngerer Zeit erneut untersucht und be­gründet wurde.
Das auf den Seiten 315 und 316 nur als Synonym zur Plötze angeführte Taxon Leuciscus Heckelii Nordmann ist laut Kottelat & Freyhof (2007) sowie nach Fishbase als Rutilus heckelii eine gut abgrenzbare valide Spezies.
So weit ein paar kritische Anmerkungen, um neben der Würdigung einer wirklich großen schriftstellerischen Leistung auch dieser Rezensenten-Pflicht nachgekommen zu sein!
Hans-Joachim Paepke

 

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Peter Richard. 256 Seiten, 350 Fotos, 94 Zeichnungen, gebunden. Haupt Verlag, Bern, 2018. ISBN 978-3-258-08024-6. 49 €

Ein dickes Buch zur Planung eines „Naturgartens“ liegt vor mir. Erschienen ist es im Haupt Verlag (Bern), der uns fast im Monatstakt wunderschöne Bücher zu allen möglichen Naturthemen präsentiert.
Verarbeitung und Gestaltung des Werks sind auf den ersten Blick beeindruckend. Viele Bilder, eine durchgehend durchdachte Farbgebung, ein aufgelockertes Schriftbild und eingestreute „Tipps“ erfreuen schon beim ersten Durchblättern und ziehen den ­Leser in die einzelnen Kapitel hinein.
In der Übersicht findet man alle wichtigen Themenblöcke versammelt. Nach einleitenden Ausführungen zur Planung und Vorbereitung einer Gartengestaltung geht es mit Ka­piteln über „Mauern, Treppen, Wege“, „Gartenhaus, Laube & Co.“, „Wasserelemente – faszinierend und erfrischend“ und „Feuer- und Lichtelemente – den Garten in Szene setzen“ weiter. Ein umfangreicher Anhang mit weiterführenden Literaturtipps und Adressen rundet das Buch ab.
Für die Leser der DATZ ist sicher das Kapitel über Wasser im Garten von be­sonderem Interesse. Wagen wir also den Praxistest.
Auf Seite 196 beginnt der Abschnitt mit einem Gedicht über das Wasser auf einer sparsam gestalteten Seite. Es folgt eine kurze Einführung, die aber noch wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun hat. Daran schließt sich eine weitere allgemeine Betrachtung zum feuchten Element und dessen besondere Eigenschaften an.
Diesen einleitenden Ausführungen folgt ein Abschnitt zu „kleinen Was­serelementen für den Garten“. Wasserschalen und Vogeltränken werden hier eher oberflächlich beschrieben. Und das ist leider auch ein Merkmal etlicher weiterer Texte in dem Werk.
Eigenartig unkonkret werden die Möglichkeiten für die Gestaltung dargestellt. Die Bilder sind nett, zeigen aber leider keine ­unmittelbar nachvollziehbaren Beispiele. Die Vogeltränke auf Seite 199 sieht zwar gut aus, ist aber kaum als sinnvolle Wasserstelle erkennbar. Die zugehörige Bildunterschrift weist auf den sinnvollen regelmäßigen Wasserwechsel hin, der in dem vorgestellten Modell jedoch denkbar schwierig zu bewerkstelligen sein dürfte.
Überhaupt bleiben viele Fragen offen. Wenn auf ­Seite 201 gefordert wird, dass man das Wasser in ­einem kleineren Gefäß nicht austauschen soll, „weil sich mit der Zeit eine Wasserbiologie einstellt“, ist das für den Erstplaner solcher Elemente wenig hilfreich – und fachlich zumindest missverständlich formuliert.
So geht es bedauerlicherweise weiter. Die beschrie­benen Brunnen und die „Rieselwand“ bleiben wohl eher Sonderstandorten vorbehalten und dürf­ten ziemlich hohe Investitionen er­fordern. Abgesehen davon, dass sich der Bezug der ­vorgestellten Metallbecken zu einem naturnahen Garten mir nicht erschließt.
Auf Seite 209 beginnt der Abschnitt „Gartenteich – Wasserparadies hinter dem Haus“. Als ärgerlich empfinde ich es, dass hier alle möglichen Begriffe kunterbunt miteinander vermischt werden. Auf einer Seite geht es beispielsweise um „Teiche“, „Weiher“ oder „Tümpel“, gemeint ist aber immer ein künstlich angelegtes, per­manent Wasser führendes Stillgewässer.
Die folgenden Tipps zur Anlage eines Teichs hat man so oder ähnlich schon oft ­gelesen. Sie sind ebenfalls oberflächlich und helfen eigentlich nicht bei der Planung und Anlage eines Teichs. Und die Naturnähe sucht man vergebens.
Dem Hinweis, den Teich mit Lehm aus einer Tongrube abdichten zu können, sollte der Leser besser nicht folgen. Der Rezensent hat selbst zwei Teiche auf diese Weise anlegen wollen und ist damit gescheitert.
Das Thema „Schwimmteiche“ wird dann sehr ausführlich behandelt. Das ist verwunderlich im Hinblick auf die postulierte „Natur­nähe“. Das beschriebene Beispiel weist zwar einen ­bepflanzten „Sumpfbereich“ auf, stellt aber ein Schwimmbecken dar und eben kein naturnahes Gestaltungselement für den Garten.
Die sich anschließende Anleitung zum Bau von Bachläufen ist dann wieder ziemlich unkonkret, so heißt es auf Seite 227: „Es lohnt sich in jeder Hinsicht, sorgfältig zu arbeiten.“ Dem wird bestimmt jeder DATZ-Leser sofort zustimmen, doch für den praktischen Bau eines Bachlaufs sind solche Formulierungen nun einmal nicht sonderlich hilfreich.
Nun könnte es ja ein ­Zufall sein, dass das vorgestellte Kapitel so wenig praxis- und naturnah daherkommt. Der Blick in die ­anderen Buchkapitel ergibt aber leider ein vergleichbares Bild.
Insgesamt bleibt deswegen ein eher enttäuschendes Fazit. Wer einen Gartenteich oder einen Bachlauf planen und bauen möchte, braucht andere Literatur. Und als ­reines Lesebuch scheint mir das vorliegende Werk zu ­teuer.
Was also bleibt? Ein schön gemachtes Buch mit Inhalten, die nicht mit der Qualität der Aufmachung mithalten können. Schade!

Hans-Peter Ziemek

 

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Marion Hahnfeldt, Elke Weiler, Stefanie Sohr, Jutta M. Ingala und Anke Schöps. 272 Seiten, durchgehend illustriert, gebunden. DuMont Reiseverlag, Ostfildern, 2017. ISBN 978-3-77018-221-3. 26,90 €

Ob an Ostsee, Nordsee, Atlantik oder Mittelmeer: „Wer einen Tag am Strand verbracht hat, weiß, das kann kein Zufall sein, der kennt das wohlige Gefühl am Abend. Diese angenehme Schwere, die den Körper erfasst, das Salz auf der Haut, an den Füßen klebt noch der Sand, und am Morgen erwacht man aus einem tiefen, erholsamen Schlaf.“
Diesem Gefühl geht das sehr empfehlenswerte, höchst unterhaltsame Buch auf den Grund. Was macht dieses Meer so attraktiv, ­woher kommt jenes Wohl­befinden, das „Runter­kommen“, kaum dass man das ewig auf den Strand schwappende Wasser erblickt?
Besinnliche Essays von Bloggern und Reiseschriftstellern, muntere Aufzählungen über Charakteristika der einzelnen Stationen, Tipps und Anregungen im Telegrammstil, Rezepte, die mit Wasser, Küste und beispielsweise Algen zu tun haben – all das macht die Seiten lebhaft und kurzweilig.
Übrigens muss man von getrockneten Algen gar nicht so ­viele essen, denn sie gehen im Magen auf. „Man fühlt sich schnell satt, so als ob man einen Snack gegessen hat.“
Wie das Thema des Buchs selbst, so wird jede Seite zu einer Entdeckung, und das überrascht selbst alte Küsten- und Inselhasen wie mich: Was zeichnet ­einen echten Strandräuber aus? Woher kommt das ­Geräusch der Wellen? Diese Sehnsucht nach Küste und Meer? Wie funktioniert die Flaschenpost? Wenn ich etwa meine Post in die Ostsee werfe?
„In Richtung ­Osten, einmal quer rüber. Russland, Lettland, Finnland, Litauen. Und die ­Chance, dass sie es bis dahin schafft, ist groß. Weil die Ostsee ein sehr kleines Meer ist, und alles, was man reinschmeißt, kommt irgendwann auch wieder raus.“
Da werden Leute por­trätiert, Buchten und Re­gionen beschrieben, stets mit Blick aufs Meer, in denen Menschen leben, für immer oder nur vorüber­gehend. Es gibt viele An­regungen, was man sportlich, kulturell oder einfach faulenzend am Meer tun und nicht tun kann.
Und es gibt natürlich kulinarische Tipps und ab und zu ganz konkret eine Restaurant-Empfehlung. Highlights der Küsten bleiben nicht unerwähnt, Orte sind genannt, die man einfach gesehen und erlebt ­haben muss. Und neben Bernstein, Fisch und Muscheln lässt sich unter Wasser wirklich Ausgefallenes finden. „125 Jahre altes
Bier ist noch genießbar, schmeckt aber etwas bitter und minzig. Entdeckt hatte es ein kanadischer Taucher auf dem Grund des Atlantiks.“
Besonders spannend: Stichworte zu Wissenswertem. Wer weiß schon, dass es ein Korbmacher aus Rostock im Frühjahr 1882 war, der den „aufrecht stehen­-den Wäschekorb“ erfand? „Dummerweise meldete er kein Patent für das gute Stück an.“
Ein sehr ansprechend aufgemachtes Buch, eine reichhaltige Fundgrube, die Leser nicht nur mit abwechslungsreichem Layout und ­einer Fülle verschiedenster Aspekte, sondern rundum mit einem Thema betört, das wohl zeitlos attraktiv ist.

Barbara Wegmann

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Josef H. Reichholf. 196 Seiten, 34 Abbildungen, gebunden. Matthes & Seitz, Berlin, 2017. ISBN 978-3-95757-462-6. 28 €

Sie sind der treue Bewacher des Hauses, die eigenwillige Mäusefängerin, das Schmu­se­tier mit weichem Fell oder der Lieferant von Frühstücksei und eingeschweißtem Supermarkt-Steak.
Haustiere – der Städter denkt dabei an Hund und Katze und vielleicht an die Hamster oder Meerschweinchen im Kinderzimmer. Vermeintlich bestens vertraut, erscheint uns ihre Gegenwart geradezu selbstverständlich, keiner weiteren Begründung bedürftig.
Neben den „echten“ Hausgenossen glaubt man sich auch mit der breiten ­Palette an domestizierten Nutztieren in der Landwirtschaft gemeinhin gut auszukennen. Doch was weiß man – bei Licht betrachtet – wirklich über Pferd, Rind, Huhn und Schwein? Und warum wurden ausgerechnet sie mit großem Aufwand über viele Generationen aus den Wildformen gezüchtet? Wann und unter welchen Umständen geschah das? Wie kommen Kaninchen, Hamster und Meerschwein ins Kinderzimmer oder die für Wettflüge abgerichtete Taube in den Schlag unterm Dach? Und was trennt nun wiederum Haus- und Wildtier tatsächlich voneinander?
Der renommierte Zoologe Josef H. Reichholf hat in der sehr ambitionierten und hochwertig gestalteten Reihe „Naturkunden“ des Matthes & Seitz-Verlags einen ungewöhnlichen Überblick über die Haustiere vorgelegt. Die ausgesuchten Illustrationen bestechen durch eine lebensechte Darstellung und wirken zudem angesichts der allgegenwärtigen Fotoflut angenehm zurückgenommen, auf das Wesentliche beschränkt.
So unterschiedlich die domestizierten Arten auch sind, begleiten sie den Menschen doch seit unzähligen Generationen, manchmal seit vielen tausend Jahren, und versorgen ihn mit Fleisch, Milch oder dem Grundstoff wärmender Bekleidung. Sie bieten Schutz gegen Bedrohungen durch andere Menschen oder Tiere. Manchmal sind sie schlicht eine angenehme Gesellschaft.
Nicht selten aber werden Haustiere zur Projektions­fläche eigener Idealvorstellungen und Wünsche – und dabei in ihrem eigenen, tie­rischen Charakter und in ­ihren Bedürfnissen sehr zweifelhaft behandelt. Das sieht Reichholf bei den zum Partnerersatz gemachten ­Kuscheltieren ebenso wie bei den hochgezüchteten Schweinen der industrialisierten Landwirtschaft, die nur noch in der Rekordzeit von einem halben Jahr zur Schlachtreife gemästet werden. Aus den aufgeweckten, intelligenten und sozialen Schweinen, die in unseren Breiten einst zur Mast in
die nahrungsreichen Eichen- und Buchenwälder getrieben wurden, sind unförmige, draußen überhaupt nicht mehr lebenstüchtige Fleischfabriken auf vier Beinen geworden.
Und der schmale Grat zwischen der Nutzung und dem Missbrauch des Tieres wird an vielen Stellen deutlich. Wie sehr das Antlitz der Welt durch die riesigen Viehbestände geprägt wird, etwa durch die dort fremden Schafe in Australien und Neuseeland, und welche Mengen Treibhausgase sie ausstoßen, ist natürlich bekannt. Der verheerende Einfluss der – noch dazu sehr leicht verwildernden – Ziegen schon weniger.
Dass der Fleischverbrauch der Hunde und Katzen in Deutschland dem der Menschen des kompletten Nachbarlandes Österreich entspricht und allein die Hunde und Katzen der USA – als eigene Nation berechnet – als Verbraucher die Nummer fünf in der Welt ­einnähmen, lässt den Zoo­logen nicht ganz zu Unrecht ein paar Karottenscheiben ins Futter seines eigenen Hundes mischen.
Reichholf findet durchaus deutliche Worte für das, was im Umgang mit Haus­tieren seiner Ansicht nach falsch läuft. Doch wird er ­dabei nicht belehrend und streut immer wieder schöne Anekdoten ein – wie über ­jenes Münchener Wildschwein, das jeden Tag zur selben Zeit eine Waldgaststätte besuchte, um sich eine Flasche Bier abzuholen und sie kunstfertig und mit sichtlichem Vergnügen zu leeren.
Bei fast allen beschriebenen Tieren stellt sich die Frage, wie sie begann, die Gemeinsamkeit mit dem Menschen, das Verlassen der Wildnis, die Umstellung auf ein Leben, das vom Menschen kontrolliert und gerade bei der Partnerwahl bis zum Exzess fremdbestimmt wird. Obwohl der Hund uns von allen tierischen Gefährten am längsten begleitet und sich evolutionär bis hin zur Angleichung der Relation von Gehirngröße zu Körpermasse dem Menschen angenähert hat, ist nach wie vor heftig umstritten, wann und wo der Wolf nun wirklich zum Hund wurde.
Von der romantisierenden bis etwas verstörenden Vorstellung, Menschenfrauen hätten verwaiste Wolfswelpen gesäugt und damit die Initialzündung zur Hundwerdung gegeben, ist man längst abgerückt. Vielmehr drängt sich beim Hund das am deutlichsten auf, was auch bei fast allen anderen Haustieren diskutiert und von Reichholf sehr anschaulich beschrieben wird: Die selbst gewählte Annäherung des Wildtiers an den Hominiden, um von dessen (Jagd-)Abfällen oder Schutz zu profitieren.
Dieses Begleiten aus der Halbdistanz könnte etwa beim Hund viele Jahrtausende gedauert haben. Nicht nur die Dingos Australiens zeigen, wie erfolgreich Haushunde wieder verwildern können. Selbst im neuen Jahrtausend lebt ein beträchtlicher Teil der Hunde weltweit nicht als verzärtelte Wohnungsgenossen, sondern als Straßenhunde in einer sehr ambivalenten Form nebenher.
Auch das ist ein roter
Faden in Reichholfs Buch: Kann man Haus- und Wildtier überhaupt sauber von­einander scheiden? Immer wieder verschwimmt die Trennlinie zwischen „domestiziert“ und „wild“. Denn ist eine auf körper­liche Nähe versessene Katze wirklich das auf den „Dosenöffner“ angewiesene Haustier, wenn sie selbst einen Umzug des Halters nicht mitmacht und lieber eigenständig in die alte Heimat zurückwandert, sich jedem Fangversuch widersetzt und ohne jede Not komplett verwildert?
Und nicht völlig überzüchtete Rassen verschiedenster Haustiere sind vielfach verwildert. Ziegen, Rinder, Schweine, Pferde sind nur einige Beispiele. Manche Stadtparkente hat eine bunte Mischung von Haus- und Wildblut in sich, lebt innerhalb der Stadt wild, verlässt sie aber nicht mehr, hat sich an diesen berechenbaren ­Lebensraum angepasst. Ist sie nun Haus- oder Wildente oder irgendetwas dazwischen?
Sind Plagegeister auch Haustiere? – Der besondere Clou des Buchs besteht darin, neben den vom Menschen ausgewählten oder zumindest gezielt auf bestimmte Eigenschaften weitergezüchteten tierischen Begleitern auch jene Mitbewohner zu den „Haustieren“ zu zählen, die man gemeinhin eher als Plagegeister oder veritable Schädlinge loszuwerden versucht: die Mäuse und Ratten, Spinnen, Fliegen, Schaben oder die ­rabiaten Untermieter Steinmarder und Waschbär.
So ist Kassel die Hauptstadt der Waschbären, Ber­-lin jene der Fledermäuse. Längst sind die strukturreichen und jagdfreien Großstädte „wilder“ als das sie umgebende Land – oder die Wildtiere vielleicht einfach „selbst-domestizierter“, als man glauben möchte?
Am Ende zählt der Autor gar Parasiten wie Läuse und Wanzen dazu. Schüttelt man bei der ersten Durchsicht der Kapitel darüber noch entschieden den Kopf, besticht diese Idee doch bei der ru­higen Lektüre umso mehr.
Reichholf beschreibt die Ausrichtung und Speziali­sierung dieser ungewollten Begleiter sehr gut. Und wer hätte jemals über Kleiderlaus, Kopflaus, Kleidermotte, Wanze, Hausstaubmilbe & Co. als spannendes Tier und nicht zuerst als Gegenstand der Bekämpfung nachgedacht? Eine tiefgreifende Sympathie wird man für das „Ungeziefer“ beim Lesen sicher nicht entwickeln, aber einer ganz eigentümlichen Faszination kann man sich schwer entziehen. Und wer hätte gedacht, dass man bei manchem Plagegeist wie der Hausratte oder der Tapetenmotte fast schon über Schutzmaßnahmen nachdenken müsste?
Die Kapitel zu den einzelnen Arten oder Gruppen sind knapp und übersichtlich gehalten. Ein kleiner Wermutstropfen: Ausgerechnet die Wasserwelt im Garten und Wohnzimmer wird komplett ausgespart. Dabei haben Menschen seit Jahrtausenden eine beträchtliche Energie darauf verwandt, Fische in Teichen und Bassins zu pflegen – ob als Nahrungsquelle oder zur „Zierde“. Psychologisch und evolutionsbiologisch hätte diese Beziehung sicher einiges Material geliefert.
Manchmal würde man sich auch noch ausführ­lichere Erklärungen, stärkere Vertiefungen wünschen. Das Werk ist jedoch insgesamt ein guter Überblick auf dem derzeitigen Stand des Wissens – und immer wieder tauchen überraschende Gedanken und Theorien auf, die gerade ein unkonventioneller Autor wie Reichholf sehr anschaulich zu begründen vermag. Hier erkennt man den denkfreudigen Zoologen, den argumentationsfreudigen Außenseiter, der in der Vergangenheit schon den Ursprung der Schönheit ergründet oder die Arten­vielfalt als Ergebnis des ­Mangels und keineswegs des Überflusses begriffen hat.
Besonders empfehlenswert ist „Haustiere“ sicher als fundierter Einstieg für Kinder und Jugendliche, die einerseits nicht überfordert, andererseits aber hinreichend herausgefordert und zu originellen Gedanken über unsere engsten Begleiter angeregt werden. Die Älteren bekommen reichlich Gelegenheit, alte Gewissheiten und überholtes Schulwissen zu prüfen – und nicht selten über Bord zu werfen.

Alexander Pentek