margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxEine Erzählung aus Kolumbien von Melba Escobar de Nogales (ab neun Jahren). 112 Seiten, mit Illustrationen von Elizabeth Builes, gebunden. Baobab Books, Basel, 2018. ISBN 978-3-905804-83-6. 15,90 €

Pedro war so glücklich, dass er nicht mehr in seine Kleider passt. „Jetzt wirst du endlich das Meer sehen.“
Seine Mutter schwärmt von den vielen Farben des Meeres, als sie im Flugzeug auf dem Weg zu einer Insel in der Karibik sind. Aufgeregt ist Pedro, all seinen ­Mitschülern hat er von der Reise erzählt, aber dann geht ihm plötzlich eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: „Mama, warum ist Papa nicht mitgekommen?“
Die Mutter eröffnet dem kleinen Jungen, dass sein Vater fort ist und sie nicht ­gewusst habe, wie sie es ihm sagen soll. Pedro, wütend, unglücklich, enttäuscht und hilflos, rennt weg, läuft und läuft, ohne Ziel, ohne Orientierung. Sein Schmerz ist groß. „Als das Meer schließlich in der Dunkelheit verschwand, stiegen Pedro die Tränen in die Augen. Er fürchtete sich, aber die ­Müdigkeit war stärker.“ Die Mutter, in großer Sorge, ­startet eine Suchaktion.
Große Schrift, übersichtliches Layout, unterhaltsam nicht nur vom Inhalt. Die farblich dezenten Illustra­tionen von Elizabeth Builes, oft ganzseitig oder kleinere Details aus dem Erzählten aufgreifend, lassen für Fantasie und eigenes Erzählen viel Spielraum.
Im leicht lesbaren Text entwirft die Kolumbianerin Melba Escobar de Nogales in ihrer ersten Geschichte für Kinder eine spannende Szenerie.
Das Schicksal des weggelaufenen Jungen, an einem fremden Ort, alles ist anders als zu Hause, es gibt Seeräuber und Piraten und so viel Neues zu entdecken. Neue Eindrücke, neue Bekanntschaften, wie die zu einem alten Seemann und zu Vic­toria, einer äußerst gesprächigen Papagei-Dame. Die sitzt so dicht neben ihm, dass ihm ihr ekliger Geruch in die Nase steigt. „Sag mal, badest du nie?“, fragt Pedro mit einem angewiderten Gesicht. „Nein. In den letzten dreihundert Jahren kein einziges Mal.“
Eine ans Herz gehende Geschichte, die von einem großen Schmerz und Verlust erzählt, aber auch davon, welche unerwarteten Wege das Leben einschlagen kann.
Ein sehr liebevoll gestaltetes Buch, das man blind kaufen darf, kommt es doch aus einem Verlag, der sich der Förderung „kultureller Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur“ verschrieben hat und Geschichten bietet, die man sich unter dem Affenbrotbaum, dem Baobab, erzählt.
Besonders schön wird die Erzählung, wenn man das Nachwort der Autorin liest, die ab und zu einfach mal weg muss, wie sie schreibt. „Zum Beispiel, um mich treiben zu lassen, weil ich die alten Wege schon viel zu gut kenne.“ So war sie selbst auch auf jener Karibikinsel und lernte den alten Seemann kennen, der übrigens weiß, dass „man erst verloren gehen muss, um sich zu finden“. Johnny, so sein Name, habe ihr beigebracht, dass ein Fremder, so fremd er uns auch erscheinen möge, ein Mensch sei, den wir gern haben können, wenn wir ihn nur nahe genug an uns heranlassen.
Eine Erzählung für junge Leser ab neun Jahren, die aber auch bei den erwachsenen Vorlesern nachhallt.
Barbara Wegmann

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Mareike Vennen. 424 Seiten, 72 zum Teil farbige Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag. Wallstein Verlag, Göttingen, 2018. ISBN 978-3-8353-3252-2. 37 €

Eine Kulturwissenschaftlerin legt allen ambitionierten Aquarianern eine wunderbare Beschreibung der ersten 100 Jahre der Aquaristik vor. Sie behandelt den Zeitraum vom Beginn der Meeresaquaristik in England und führt den Bogen über Europa bis nach Nordamerika. Die Beschreibung endet in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg.
Ihre These zu Beginn des Buchs lautet: „Aquarien stellen … einen entscheidenden, bislang wenig beachteten Schauplatz in der Frühgeschichte ökologischen Denkens dar.“ Ein ­interessanter Ansatz, den Vivarianer ebenfalls immer wieder vertreten, wenn es um die Zukunft ­ihres Tuns geht. Also haben wir mit diesem Werk einen Blick in die Geschichte vor uns, aus dem wir für die ­weitere Entwicklung der Aquaristik lernen können.
Bevor man die Anschaffung des Buchs erwägt, muss man sich aber darüber klar sein, dass eine Geisteswissenschaftlerin die Thematik erarbeitet. Es gibt jede Menge Fußnoten, die oft den meisten Platz auf einer Seite einnehmen, das ist ungewöhnlich für naturwissenschaftlich orientierte Leserinnen und Leser.
Dazu kommt ein sozialwissenschaftliches Vokabular, das manchmal gewöhnungsbedürftig ist. „Mikrohistorische Fallstudien“ und die „strukturelle Unabschließbarkeit des Aquariums“ sind erst einmal gedanklich zu verarbeiten. Und wenn das Buch dann noch zwischen „unterschiedlichen Skalierungsebenen oszilliert“, sollte das nicht zum Zuklappen und Zurückstellen in ein Bücherregal führen.
Blättern Sie weiter, und es eröffnen sich neue Horizonte! In Kapitel 1 beginnt es mit der Einrichtung kleiner, abgeschlossener Welten. Die Geschichte von Nathaniel Ward ist eine dieser Fallstudien. Er versuchte, Gläser so zu bepflanzen, dass sie über möglichst lange Zeiträume ohne äußere Einflüsse funktionieren.
Jedes Kapitel trägt eine schöne Überschrift, das zweite heißt „Stabilisieren I“. Die kryptische Bezeichnung wird schnell erklärt. Es geht um den Londoner Chemiker Robert ­Warington, der die ersten „ökologisch stabilen“ Aquarien erprobte.
Kapitel 3 erzählt die Geschichte des Naturforschers Philip Henry Gosse, dem ­Erfinder des Meerwasser-Aquariums.
Besonders ästhetisch geht es in dem Kapitel über „Naturkundliche Bildumwelten“ zu. Die Erstellung von Lithografien wurde zum Meisterstück der Vermittlung der neuen Unterwasserwelten an ein breites Publikum. Auch hier war Gosse der Initiator. Einige sehr gut reproduzierte Abbildungen illustrieren dieses Kapitel eindrücklich, für mich besonders schön die „Sammelkarte mit Erdbeerrose“ von der Firma „Liebig Fleischextrakt“ (Tafel 16).
Für einen langjährigen Mitarbeiter an der Entwicklung der DATZ besonders wichtig ist das Kapitel „Rahmen I“. Hier geht es nicht um die ersten Gestellaqua­rien. Vielmehr wird die Geschichte der ersten Ratgeber und Artikel rund um das Hobby Aqua­ristik nachvollzogen. Ob dereinst im Jahre 2150 ein elek­tronisches Essay mit 3D-Denkfiguren die Bedeutung der DATZ ähnlich würdigen wird …?
Weiter geht es in „Sta­bi­lisieren II“ mit der fortschreitenden Entwicklung der Aquarientypen und -technik. Der „Durchlüftungsapparat“ auf Seite 223 zeigt dabei den Umfang der Bemühungen, die schon ­damals Vivarianer auf sich nahmen, um ihre Becken möglichst lange und zuverlässig zu betreiben.
Global wird es im folgenden Abschnitt. Wie ein Krimi lesen sich die Schil­derungen, wie die ersehnten Organismen aus ihren angestammten Lebensräumen nach Europa und Nordamerika gebracht wurden.
Ungewöhnlich ist die ­intensive Betrachtung der Glasproblematik. Geradezu als „Glaskultur“ beschrieben, werden die Schwierigkeiten bei der Herstellung hochwertigen Glases erläutert. Aber auch die Bedeutung dieses Materials für die Betrachtung von Wassertieren wird diskutiert.
Es folgt ein Einblick in die frühe Aquarienfotografie, eine Fundgrube für jeden historisch interessierten Fotografen.
Ebenfalls mit viel Erkenntnisgewinn sind die Absätze zur Entwicklung der Schau­aquarien und zu der Bedeutung von Aquarien für die ökologische Forschung verbunden.
Das letzte Kapitel erzählt die höchst interessante Geschichte des Zoologen Karl August ­Möbius, der in der Aus­ein­andersetzung mit dem „Schlamm“ des Ostsee­grunds die Zusammenhänge in ma­rinen Lebensgemeinschaften durchschaut. Erkenntnisse, die ihn später, im Rahmen einer Auftragsstudie von Nordsee-Fischern zum Erhalt der Europäischen Auster (Ostrea edulis), zur Beschreibung des Begriffs „Biozönose“ führt.
Möbius ist übrigens auch der akademische Lehrer von Friedrich Junge, ­einem Dorfschullehrer in Schleswig-Holstein, der mit seinem 1885 vorgelegten Buch „Der Dorfteich als ­Lebens­gemeinschaft“ bis heute die Behandlung des Themas „Stillgewässer“ in Schulen beeinflusst, zumindest in Waldorf-Schulen.
Das Werk endet mit einer Zusammenfassung der umfangreichen Reise durch die Gedanken- und Ideenwelt der frühen Aquarianer – und selbstverständlich mit einem umfangreichen Schriftenverzeichnis.
Insgesamt ist „Das Aqua­rium“ ein höchst lesenswertes Buch. Ich empfehle es jedem, der die Haltung von Tieren im Aquarium verbieten will.
Und ich lege es allen Menschen ans Herz, die sich seit ihrem elften Lebensjahr mit Aquarien auseinandersetzen und mit wunderbaren Momenten belohnt wurden.
So ergeht es mir seit 47 Jahren, und es wird nicht freiwillig enden. Das erzählt mir das vorliegende Buch ebenfalls.
Hans-Peter Ziemek

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxNational Geographic Special 1/2019. G+J Media GmbH & Co. KG, Hamburg. 124 Seiten, circa 72 Fotos, sechs Karten und neun Zeichnungen, Klebebindung. ISSN 2362-9733. 9,80 €

Neun verschiedene Kapitel über die „Wunder der Meere“ machen mich neugierig. Da wird beispielsweise Antje Boetius, Direktorin des Al­fred-Wegener-Instituts (Bremen), über die Faszi­nation, die die Meere auf sie ausüben, interviewt. Sie ist einfach neugierig auf die Geheimnisse des Lebens. Im sich anschließenden Kapitel werden die Fotografen, die die Beiträge des Heftes illus­triert haben, vorgestellt.
„Kimbe Bay – Tauchers Traum“ wird dem Leser in Wort und Bild nähergebracht. Korallenriffe, Anemonenfische, Haarsterne und Schnepfenmesserfische sind dort zu Hause. Eine ­Karte verdeutlicht die Lage dieses Gebietes im Pazifik, das sich durch eine schier unglaubliche Vielfalt an Organismen auszeichnet.
„Die Macht der Acht“ ­beschreibt anschaulich die vielen verschiedenen Arten von Kraken. Eindrucksvolle Farbfotos, Zeichnungen und ein ausführlicher Text schildern die achtarmigen Kopffüßer.
Der Beitrag „Gefahr oder Gefährdet?“ widmet sich dem Weißen Hai. Hier gibt es eine Fülle von Informa­tionen zu Carcharodon carcharias. Wussten Sie, dass der Weiße Hai eine kon­stan­te Körpertemperatur von 26 °C hat? Eine Übersicht über die verschiedenen Haifisch-Arten rundet den Artikel ab.
„Reden Lernen“, die Sprache der Delfine kennenlernen, ist das Thema des nächsten Aufsatzes. Die Art und Weise, wie die Meeressäuger Fische fangen, ist nicht nur ausgesprochen effektiv, sondern auch spannend. Man kann sich nur wundern, wie neugierig und schlau diese eleganten Schwimmer sind.
„Suche nach Schlammvulkanen“ schildert die Expedition der „Meteor“ im Mittelmeer. Dabei geht es auch um die Gefahren, die der Abbau von Methanhy­drat für die Umwelt und
für das Ökosystem mit sich bringen würde. Karten runden den Artikel ab, und das Forschungsschiff als schwimmendes Labor wird näher vorgestellt.
„Tod in der Antarktis“ ist ein Bericht über Seeleoparden, die Pinguine zum Fressen gern haben. Tolle Fotos vermitteln einen bleibenden Eindruck von diesen Prädatoren.
„Mitten im vollen Leben“ handelt von den Veränderungen im Sankt-Lorenz-Golf. In dem Gebiet ­leben 30 gefährdete Arten von Fischen, Vögeln und Meeressäugern. Aber es gibt dort Ölvorkommen, die – natürlich – gefördert werden sollen. Auf einer Karte am Schluss des Kapitels werden die Probleme sehr gut erläutert. Man kann nur hoffen, dass die Natur mit ihrer Vielfalt in diesem einzigartigen Meeresgebiet erhalten bleibt.
Mir hat die Lektüre des gesamten Heftes viele neue, überraschende und hochinteressante Informationen gebracht. Die Zusammenstellung von Fotos, Texten, Zeichnungen und Karten lässt nichts zu wünschen ­übrig!
Elfriede Ehlers

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Matteo Elio Siesa. 240 Seiten, rund 735 Fotos und 260 Zeichnungen, Karten und Tabellen. Flexobroschur.
Haupt Verlag, Bern, 2019. ISBN 978-3-258-08097-0. 38 €

Das Angebot an odonatolo­gischer Bestimmungsliteratur auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene ist heute so umfangreich wie nie zuvor. Dennoch gibt es Gebiete, die unzureichend erforscht sind, auch in Europa. Dazu zählen beispielsweise bestimmte Regionen der Alpen, die aufgrund ihrer Höhenlage und ungüns­tiger oder wechselnder Witterungsverhältnisse schwer zugänglich sind.
Jean-P. Boudot (IUCN Dragonfly Specialist Group) schreibt im Vorwort: „Wir glauben, dass [das Buch] die Odonatologie in hohen Berglagen ermutigen und fördern wird. Es besteht … Bedarf an Informationen über diese Regionen und an ­Überwachung aufgrund der wachsenden Umweltbedrohungen, die insbesondere durch den Druck des Tourismus und den Klimawandel verursacht werden.“
Bevor der Autor des ursprünglich auf Italienisch erschienenen Werks (Blu Edizioni, Turin, 2017) nach der Danksagung und einer knappen Beschreibung der Alpen und ihres Klimas auf die einzelnen Arten eingeht, gibt er eine kurze, allgemeine Darstellung der Libellen, wie in solchen Veröffentlichungen üblich.
Ausgehend vom Ursprung und von den Vor­fahren der heute lebenden Arten gelangt Siesa über die Systematik und Vielfalt der Libellen zu ihrem „biologischen Zyklus“ und schildert den Körperbau der Imagines, die Eiablage, die Entwicklung der Larven und die ­Ex­uvien. Eingestreute Info-Kästen behandeln Themen wie „Paarung und Eiablage“ oder „Prädator und Beute“.
Dann wird es konkreter. Das Kapitel „Die Habitate im Alpenraum“ stellt die ­verschiedenen Typen der Fortpflanzungshabitate vor (Quellen und Fließgewässer, Teiche und temporäre Tümpel, Seen, Sümpfe und Moore), in „Libellen und große Höhen“ erfährt der Leser Interessantes über die Auswirkungen zunehmender Höhe auf diese Insekten, und „Erhaltung“ fasst wichtige Fakten über Bedrohung (mit Infokästen über Klimawandel und Libellenschutz), Gesetze und Rote Listen zusammen.
Praktisch wird es auf den folgenden Seiten, denn hier geht es um das Beobachten und Erforschen sowohl der Imagines als auch der Larven. Sinn und Zweck wis­senschaftlicher Sammlungen werden ebenso kurz erläutert wie nützliche Ratschläge zur Libellenfotografie ausführlich erteilt. Mehr noch: Eine ganzseitige Liste „Ausrüstung und Kleidung“ führt minutiös auf, was der Libellenforscher auf seinem Ausflug ins Gebirge unbedingt bei sich haben sollte.
Spezialisten für die einzelnen Gebiete stellen unter der Überschrift „Regionale Einzelheiten“ die Libellen der italienischen, französischen, Schweizer, bayrischen, österreichischen und slowenischen Alpen vor.
Nach dem „Schlüssel zur Bestimmung von Unterordnungen und Familien“ beschließt eine „Einführung in die Beschreibung der Libellenarten“ den allgemeinen Teil des Buchs. Sie erklärt dem Leser, was er in den ­einzelnen Porträts alles findet, nämlich: Auf der linken Seite eine Verbreitungskarte der Art im Alpenraum; den wissenschaftlichen Namen; die systematische Zuordnung; die deutsche, englische, französische, italienische und slowenische Bezeichnung; die Länge von Imago und Nymphe in Millimetern sowie anatomische Details (Zeichnungen); einen Flugzeitenkalender, ein Höhendiagramm und ein Habitatfoto; Hinweise zum Chorotypen (Verbreitung weltweit) sowie zu ähnlichen und syntopen Arten; der Text liefert Daten zu Aus­breitung, eine Kurzbeschreibung der Imago, besondere Aspekte zu Verhalten, Bio­logie und Erhaltungsstatus. Die rechte Seite ist Fotos mit entsprechenden Legenden vorbehalten; sie zeigen beide Geschlechter (dorsal und lateral), außerdem Details wie Paarung, Eiablage oder Larve.
In der üblichen Reihenfolge sind dann alle 89 in den Alpen nachgewiesenen Arten dargestellt, zuerst die Kleinlibellen (Zygoptera; vier Familien mit 34 Spezies), dann die Großlibellen (Anisoptera; fünf beziehungsweise sechs Familien – der Flussfalke [Oxygastra curtisii] wird hier als „Incertae sedis“ und nicht als Falkenlibelle [Corduliidae] geführt – mit 55 Taxa).
Ein Glossar, ein umfangreiches Literatur- und Homepage-Verzeichnis, ein Register der wissenschaftlichen und deutschen Artnamen und der Bildnachweis schließen sich an.
Das Buch ist „ein um­fassender und detaillierter Bestimmungsführer – nicht nur für bereits erfahrene ­Li­bellen­freunde, sondern auch für Wanderer und Bergsteiger, die sich mit ­diesen farbenprächtigen Insekten des Lebensraums Alpen und ihrer Ökologie vertraut machen wollen“, so der Verlag. Das trifft es!
Rainer Stawikowski

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Ferry Böhme und Thomas Brockhaus. 160 Seiten, 157 lackierte Abbildungen, gebunden, Format 24 x 28 cm. ­
Tecklenborg Verlag, Steinfurt, 2019. ISBN 978-3-944327-63-1. 28,50 €

Keine Frage, der Bildband bietet eine Fülle guter und sehr guter Fotografien – aber auch die eine oder andere weniger gelungene Aufnahme. Abbildungen fliegender Groß- und Kleinlibellen beispielsweise habe ich schon von anderen Naturfotografen und in besserer Qualität gesehen. Überhaupt gibt es mittlerweile ja eine ganze Reihe von Zeitgenossen, die mit ihrer Fotoausrüstung umzugehen verstehen und hervorragende Bilder von diesen (und anderen) Insekten zustande bringen. Die einschlägigen Bestimmungsbücher sind in dieser Hinsicht wahre Fundgruben.
Was also unterscheidet „Faszination Libellen“ von anderen odonatologischen Publikationen? Es handelt sich um einen Bildband, das Buch ist also kein Feldführer, kein Bestimmungswerk und erst recht keine Abhandlung über die Bio­logie dieser faszinierenden Tiere.
Dementsprechend knapp sind die insgesamt vier Ka­pitel, die der Titelei, dem ­Inhaltsverzeichnis, dem Vorwort des Fotografen und den beiden Grußworten (geliefert von Annette und Rüdiger Nehberg, deren Organisation „Target“ der Tierarzt und ­Naturfotograf Ferry Böhme „mit Erlösen aus seinen Bildern unterstützt“, sowie von Gerhard Haszprunar, Direktor der Zoologischen Staatssammlung München) folgen und dem Impressum und den Dankesworten voraus­gehen.
Verfasst sind die Texte von dem Odonata-Experten Thomas Brockhaus und überschrieben mit: „Magie der Farben. Von monochrom bis kunterbunt“, „Leben in zwei Welten. Aus dem Wasser in die Luft“, „Die Welt der Superlative. Fliegen und Jagen“ und „Juwelen im Licht. Libellen im Habitat“. Sie umfassen jeweils eine (!) Seite. Dass sich auf derart beschränktem Raum keine tiefgründigen Erkenntnisse über die Farben, die Fortpflanzung, das Jagdverhalten, die Ökologie oder die Bedrohung der Libellen unterbringen lassen, versteht sich von selbst.
Aber auch die Bild­legenden vermitteln keine sonderlich handfesten Informationen, ein Beispiel: „Die Feuerlibelle zählt zu den farb­intensivsten hei­mischen Großlibellen. Ihr durchgehend kräftiges Rot leuchtet schon von Weitem – fast wie die Mohnblüte als Kontrast bei einem eher unscheinbaren Heidelibellenweibchen“ (Seite 33). Dass Crocothemis erythraea ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammt und sich seit einigen Jahren als Klimawandelbote immer weiter nach Norden ausbreitet, erfährt der Leser hier nicht.
Aber welchen Leser spricht dieses Buch überhaupt an? Dem fachkundigen Libellenforscher, ob Amateur oder Wissenschaftler, bietet es eigentlich nichts (er weiß ohnehin, was es mit der Feuer­libelle auf sich hat). Der interessierte Naturfotograf erfährt nichts über Ausrüstung und Aufnahmetechnik des Bildautors. Der engagierte Naturschützer findet ebenfalls keine substanzi­ellen Hinweise, die ihm für seine Arbeit nützlich sein könnten. Man möge mir verzeihen, aber ich kann mich des Eindrucks nicht ­erwehren, dass die kurzen Kapitel eine Art Alibifunktion haben. Ein Buch ganz ohne Worte, das geht nun einmal nicht …
Viele Bilder sind großformatig, manche füllen eine ganze Doppelseite, dar­unter wirklich eindrucksvolle Detailaufnahmen – „der Frontalanblick dieser Westlichen Keiljungfer mit Tautropfen“ (Seiten 92/93) gefällt mir besonders gut! Aber: Libellen im Morgentau scheinen zu den Lieblingsmotiven des Autors zu gehören. Ich habe sie nicht gezählt, doch gibt es auffallend viele in dem Buch, und dieses Überan­gebot schmälert zuweilen den Reiz des einen oder des anderen Einzelfotos. Weniger wäre hier mehr gewesen, jedenfalls für meinen Geschmack.
Auch die Aufnahmen von schlüpfenden Imagines sind sehenswert wie viele weitere Bilder. Auf manche Motive jedoch, auf einige der – durchaus stimmungsvollen – doppelseitigen Gewässer- und Landschaftsaufnahmen etwa, hätte man meines Erachtens auch verzichten können.
Ja, sicher, das Buch ist ein Bildband – mehr aber auch nicht. Man blättert es ein-, zweimal durch und stellt es wieder ins Regal. Schade eigentlich.
Rainer Stawikowski