margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Peter Richard. 256 Seiten, 350 Fotos, 94 Zeichnungen, gebunden. Haupt Verlag, Bern, 2018. ISBN 978-3-258-08024-6. 49 €

Ein dickes Buch zur Planung eines „Naturgartens“ liegt vor mir. Erschienen ist es im Haupt Verlag (Bern), der uns fast im Monatstakt wunderschöne Bücher zu allen möglichen Naturthemen präsentiert.
Verarbeitung und Gestaltung des Werks sind auf den ersten Blick beeindruckend. Viele Bilder, eine durchgehend durchdachte Farbgebung, ein aufgelockertes Schriftbild und eingestreute „Tipps“ erfreuen schon beim ersten Durchblättern und ziehen den ­Leser in die einzelnen Kapitel hinein.
In der Übersicht findet man alle wichtigen Themenblöcke versammelt. Nach einleitenden Ausführungen zur Planung und Vorbereitung einer Gartengestaltung geht es mit Ka­piteln über „Mauern, Treppen, Wege“, „Gartenhaus, Laube & Co.“, „Wasserelemente – faszinierend und erfrischend“ und „Feuer- und Lichtelemente – den Garten in Szene setzen“ weiter. Ein umfangreicher Anhang mit weiterführenden Literaturtipps und Adressen rundet das Buch ab.
Für die Leser der DATZ ist sicher das Kapitel über Wasser im Garten von be­sonderem Interesse. Wagen wir also den Praxistest.
Auf Seite 196 beginnt der Abschnitt mit einem Gedicht über das Wasser auf einer sparsam gestalteten Seite. Es folgt eine kurze Einführung, die aber noch wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun hat. Daran schließt sich eine weitere allgemeine Betrachtung zum feuchten Element und dessen besondere Eigenschaften an.
Diesen einleitenden Ausführungen folgt ein Abschnitt zu „kleinen Was­serelementen für den Garten“. Wasserschalen und Vogeltränken werden hier eher oberflächlich beschrieben. Und das ist leider auch ein Merkmal etlicher weiterer Texte in dem Werk.
Eigenartig unkonkret werden die Möglichkeiten für die Gestaltung dargestellt. Die Bilder sind nett, zeigen aber leider keine ­unmittelbar nachvollziehbaren Beispiele. Die Vogeltränke auf Seite 199 sieht zwar gut aus, ist aber kaum als sinnvolle Wasserstelle erkennbar. Die zugehörige Bildunterschrift weist auf den sinnvollen regelmäßigen Wasserwechsel hin, der in dem vorgestellten Modell jedoch denkbar schwierig zu bewerkstelligen sein dürfte.
Überhaupt bleiben viele Fragen offen. Wenn auf ­Seite 201 gefordert wird, dass man das Wasser in ­einem kleineren Gefäß nicht austauschen soll, „weil sich mit der Zeit eine Wasserbiologie einstellt“, ist das für den Erstplaner solcher Elemente wenig hilfreich – und fachlich zumindest missverständlich formuliert.
So geht es bedauerlicherweise weiter. Die beschrie­benen Brunnen und die „Rieselwand“ bleiben wohl eher Sonderstandorten vorbehalten und dürf­ten ziemlich hohe Investitionen er­fordern. Abgesehen davon, dass sich der Bezug der ­vorgestellten Metallbecken zu einem naturnahen Garten mir nicht erschließt.
Auf Seite 209 beginnt der Abschnitt „Gartenteich – Wasserparadies hinter dem Haus“. Als ärgerlich empfinde ich es, dass hier alle möglichen Begriffe kunterbunt miteinander vermischt werden. Auf einer Seite geht es beispielsweise um „Teiche“, „Weiher“ oder „Tümpel“, gemeint ist aber immer ein künstlich angelegtes, per­manent Wasser führendes Stillgewässer.
Die folgenden Tipps zur Anlage eines Teichs hat man so oder ähnlich schon oft ­gelesen. Sie sind ebenfalls oberflächlich und helfen eigentlich nicht bei der Planung und Anlage eines Teichs. Und die Naturnähe sucht man vergebens.
Dem Hinweis, den Teich mit Lehm aus einer Tongrube abdichten zu können, sollte der Leser besser nicht folgen. Der Rezensent hat selbst zwei Teiche auf diese Weise anlegen wollen und ist damit gescheitert.
Das Thema „Schwimmteiche“ wird dann sehr ausführlich behandelt. Das ist verwunderlich im Hinblick auf die postulierte „Natur­nähe“. Das beschriebene Beispiel weist zwar einen ­bepflanzten „Sumpfbereich“ auf, stellt aber ein Schwimmbecken dar und eben kein naturnahes Gestaltungselement für den Garten.
Die sich anschließende Anleitung zum Bau von Bachläufen ist dann wieder ziemlich unkonkret, so heißt es auf Seite 227: „Es lohnt sich in jeder Hinsicht, sorgfältig zu arbeiten.“ Dem wird bestimmt jeder DATZ-Leser sofort zustimmen, doch für den praktischen Bau eines Bachlaufs sind solche Formulierungen nun einmal nicht sonderlich hilfreich.
Nun könnte es ja ein ­Zufall sein, dass das vorgestellte Kapitel so wenig praxis- und naturnah daherkommt. Der Blick in die ­anderen Buchkapitel ergibt aber leider ein vergleichbares Bild.
Insgesamt bleibt deswegen ein eher enttäuschendes Fazit. Wer einen Gartenteich oder einen Bachlauf planen und bauen möchte, braucht andere Literatur. Und als ­reines Lesebuch scheint mir das vorliegende Werk zu ­teuer.
Was also bleibt? Ein schön gemachtes Buch mit Inhalten, die nicht mit der Qualität der Aufmachung mithalten können. Schade!

Hans-Peter Ziemek

 

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Marion Hahnfeldt, Elke Weiler, Stefanie Sohr, Jutta M. Ingala und Anke Schöps. 272 Seiten, durchgehend illustriert, gebunden. DuMont Reiseverlag, Ostfildern, 2017. ISBN 978-3-77018-221-3. 26,90 €

Ob an Ostsee, Nordsee, Atlantik oder Mittelmeer: „Wer einen Tag am Strand verbracht hat, weiß, das kann kein Zufall sein, der kennt das wohlige Gefühl am Abend. Diese angenehme Schwere, die den Körper erfasst, das Salz auf der Haut, an den Füßen klebt noch der Sand, und am Morgen erwacht man aus einem tiefen, erholsamen Schlaf.“
Diesem Gefühl geht das sehr empfehlenswerte, höchst unterhaltsame Buch auf den Grund. Was macht dieses Meer so attraktiv, ­woher kommt jenes Wohl­befinden, das „Runter­kommen“, kaum dass man das ewig auf den Strand schwappende Wasser erblickt?
Besinnliche Essays von Bloggern und Reiseschriftstellern, muntere Aufzählungen über Charakteristika der einzelnen Stationen, Tipps und Anregungen im Telegrammstil, Rezepte, die mit Wasser, Küste und beispielsweise Algen zu tun haben – all das macht die Seiten lebhaft und kurzweilig.
Übrigens muss man von getrockneten Algen gar nicht so ­viele essen, denn sie gehen im Magen auf. „Man fühlt sich schnell satt, so als ob man einen Snack gegessen hat.“
Wie das Thema des Buchs selbst, so wird jede Seite zu einer Entdeckung, und das überrascht selbst alte Küsten- und Inselhasen wie mich: Was zeichnet ­einen echten Strandräuber aus? Woher kommt das ­Geräusch der Wellen? Diese Sehnsucht nach Küste und Meer? Wie funktioniert die Flaschenpost? Wenn ich etwa meine Post in die Ostsee werfe?
„In Richtung ­Osten, einmal quer rüber. Russland, Lettland, Finnland, Litauen. Und die ­Chance, dass sie es bis dahin schafft, ist groß. Weil die Ostsee ein sehr kleines Meer ist, und alles, was man reinschmeißt, kommt irgendwann auch wieder raus.“
Da werden Leute por­trätiert, Buchten und Re­gionen beschrieben, stets mit Blick aufs Meer, in denen Menschen leben, für immer oder nur vorüber­gehend. Es gibt viele An­regungen, was man sportlich, kulturell oder einfach faulenzend am Meer tun und nicht tun kann.
Und es gibt natürlich kulinarische Tipps und ab und zu ganz konkret eine Restaurant-Empfehlung. Highlights der Küsten bleiben nicht unerwähnt, Orte sind genannt, die man einfach gesehen und erlebt ­haben muss. Und neben Bernstein, Fisch und Muscheln lässt sich unter Wasser wirklich Ausgefallenes finden. „125 Jahre altes
Bier ist noch genießbar, schmeckt aber etwas bitter und minzig. Entdeckt hatte es ein kanadischer Taucher auf dem Grund des Atlantiks.“
Besonders spannend: Stichworte zu Wissenswertem. Wer weiß schon, dass es ein Korbmacher aus Rostock im Frühjahr 1882 war, der den „aufrecht stehen­-den Wäschekorb“ erfand? „Dummerweise meldete er kein Patent für das gute Stück an.“
Ein sehr ansprechend aufgemachtes Buch, eine reichhaltige Fundgrube, die Leser nicht nur mit abwechslungsreichem Layout und ­einer Fülle verschiedenster Aspekte, sondern rundum mit einem Thema betört, das wohl zeitlos attraktiv ist.

Barbara Wegmann

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Josef H. Reichholf. 196 Seiten, 34 Abbildungen, gebunden. Matthes & Seitz, Berlin, 2017. ISBN 978-3-95757-462-6. 28 €

Sie sind der treue Bewacher des Hauses, die eigenwillige Mäusefängerin, das Schmu­se­tier mit weichem Fell oder der Lieferant von Frühstücksei und eingeschweißtem Supermarkt-Steak.
Haustiere – der Städter denkt dabei an Hund und Katze und vielleicht an die Hamster oder Meerschweinchen im Kinderzimmer. Vermeintlich bestens vertraut, erscheint uns ihre Gegenwart geradezu selbstverständlich, keiner weiteren Begründung bedürftig.
Neben den „echten“ Hausgenossen glaubt man sich auch mit der breiten ­Palette an domestizierten Nutztieren in der Landwirtschaft gemeinhin gut auszukennen. Doch was weiß man – bei Licht betrachtet – wirklich über Pferd, Rind, Huhn und Schwein? Und warum wurden ausgerechnet sie mit großem Aufwand über viele Generationen aus den Wildformen gezüchtet? Wann und unter welchen Umständen geschah das? Wie kommen Kaninchen, Hamster und Meerschwein ins Kinderzimmer oder die für Wettflüge abgerichtete Taube in den Schlag unterm Dach? Und was trennt nun wiederum Haus- und Wildtier tatsächlich voneinander?
Der renommierte Zoologe Josef H. Reichholf hat in der sehr ambitionierten und hochwertig gestalteten Reihe „Naturkunden“ des Matthes & Seitz-Verlags einen ungewöhnlichen Überblick über die Haustiere vorgelegt. Die ausgesuchten Illustrationen bestechen durch eine lebensechte Darstellung und wirken zudem angesichts der allgegenwärtigen Fotoflut angenehm zurückgenommen, auf das Wesentliche beschränkt.
So unterschiedlich die domestizierten Arten auch sind, begleiten sie den Menschen doch seit unzähligen Generationen, manchmal seit vielen tausend Jahren, und versorgen ihn mit Fleisch, Milch oder dem Grundstoff wärmender Bekleidung. Sie bieten Schutz gegen Bedrohungen durch andere Menschen oder Tiere. Manchmal sind sie schlicht eine angenehme Gesellschaft.
Nicht selten aber werden Haustiere zur Projektions­fläche eigener Idealvorstellungen und Wünsche – und dabei in ihrem eigenen, tie­rischen Charakter und in ­ihren Bedürfnissen sehr zweifelhaft behandelt. Das sieht Reichholf bei den zum Partnerersatz gemachten ­Kuscheltieren ebenso wie bei den hochgezüchteten Schweinen der industrialisierten Landwirtschaft, die nur noch in der Rekordzeit von einem halben Jahr zur Schlachtreife gemästet werden. Aus den aufgeweckten, intelligenten und sozialen Schweinen, die in unseren Breiten einst zur Mast in
die nahrungsreichen Eichen- und Buchenwälder getrieben wurden, sind unförmige, draußen überhaupt nicht mehr lebenstüchtige Fleischfabriken auf vier Beinen geworden.
Und der schmale Grat zwischen der Nutzung und dem Missbrauch des Tieres wird an vielen Stellen deutlich. Wie sehr das Antlitz der Welt durch die riesigen Viehbestände geprägt wird, etwa durch die dort fremden Schafe in Australien und Neuseeland, und welche Mengen Treibhausgase sie ausstoßen, ist natürlich bekannt. Der verheerende Einfluss der – noch dazu sehr leicht verwildernden – Ziegen schon weniger.
Dass der Fleischverbrauch der Hunde und Katzen in Deutschland dem der Menschen des kompletten Nachbarlandes Österreich entspricht und allein die Hunde und Katzen der USA – als eigene Nation berechnet – als Verbraucher die Nummer fünf in der Welt ­einnähmen, lässt den Zoo­logen nicht ganz zu Unrecht ein paar Karottenscheiben ins Futter seines eigenen Hundes mischen.
Reichholf findet durchaus deutliche Worte für das, was im Umgang mit Haus­tieren seiner Ansicht nach falsch läuft. Doch wird er ­dabei nicht belehrend und streut immer wieder schöne Anekdoten ein – wie über ­jenes Münchener Wildschwein, das jeden Tag zur selben Zeit eine Waldgaststätte besuchte, um sich eine Flasche Bier abzuholen und sie kunstfertig und mit sichtlichem Vergnügen zu leeren.
Bei fast allen beschriebenen Tieren stellt sich die Frage, wie sie begann, die Gemeinsamkeit mit dem Menschen, das Verlassen der Wildnis, die Umstellung auf ein Leben, das vom Menschen kontrolliert und gerade bei der Partnerwahl bis zum Exzess fremdbestimmt wird. Obwohl der Hund uns von allen tierischen Gefährten am längsten begleitet und sich evolutionär bis hin zur Angleichung der Relation von Gehirngröße zu Körpermasse dem Menschen angenähert hat, ist nach wie vor heftig umstritten, wann und wo der Wolf nun wirklich zum Hund wurde.
Von der romantisierenden bis etwas verstörenden Vorstellung, Menschenfrauen hätten verwaiste Wolfswelpen gesäugt und damit die Initialzündung zur Hundwerdung gegeben, ist man längst abgerückt. Vielmehr drängt sich beim Hund das am deutlichsten auf, was auch bei fast allen anderen Haustieren diskutiert und von Reichholf sehr anschaulich beschrieben wird: Die selbst gewählte Annäherung des Wildtiers an den Hominiden, um von dessen (Jagd-)Abfällen oder Schutz zu profitieren.
Dieses Begleiten aus der Halbdistanz könnte etwa beim Hund viele Jahrtausende gedauert haben. Nicht nur die Dingos Australiens zeigen, wie erfolgreich Haushunde wieder verwildern können. Selbst im neuen Jahrtausend lebt ein beträchtlicher Teil der Hunde weltweit nicht als verzärtelte Wohnungsgenossen, sondern als Straßenhunde in einer sehr ambivalenten Form nebenher.
Auch das ist ein roter
Faden in Reichholfs Buch: Kann man Haus- und Wildtier überhaupt sauber von­einander scheiden? Immer wieder verschwimmt die Trennlinie zwischen „domestiziert“ und „wild“. Denn ist eine auf körper­liche Nähe versessene Katze wirklich das auf den „Dosenöffner“ angewiesene Haustier, wenn sie selbst einen Umzug des Halters nicht mitmacht und lieber eigenständig in die alte Heimat zurückwandert, sich jedem Fangversuch widersetzt und ohne jede Not komplett verwildert?
Und nicht völlig überzüchtete Rassen verschiedenster Haustiere sind vielfach verwildert. Ziegen, Rinder, Schweine, Pferde sind nur einige Beispiele. Manche Stadtparkente hat eine bunte Mischung von Haus- und Wildblut in sich, lebt innerhalb der Stadt wild, verlässt sie aber nicht mehr, hat sich an diesen berechenbaren ­Lebensraum angepasst. Ist sie nun Haus- oder Wildente oder irgendetwas dazwischen?
Sind Plagegeister auch Haustiere? – Der besondere Clou des Buchs besteht darin, neben den vom Menschen ausgewählten oder zumindest gezielt auf bestimmte Eigenschaften weitergezüchteten tierischen Begleitern auch jene Mitbewohner zu den „Haustieren“ zu zählen, die man gemeinhin eher als Plagegeister oder veritable Schädlinge loszuwerden versucht: die Mäuse und Ratten, Spinnen, Fliegen, Schaben oder die ­rabiaten Untermieter Steinmarder und Waschbär.
So ist Kassel die Hauptstadt der Waschbären, Ber­-lin jene der Fledermäuse. Längst sind die strukturreichen und jagdfreien Großstädte „wilder“ als das sie umgebende Land – oder die Wildtiere vielleicht einfach „selbst-domestizierter“, als man glauben möchte?
Am Ende zählt der Autor gar Parasiten wie Läuse und Wanzen dazu. Schüttelt man bei der ersten Durchsicht der Kapitel darüber noch entschieden den Kopf, besticht diese Idee doch bei der ru­higen Lektüre umso mehr.
Reichholf beschreibt die Ausrichtung und Speziali­sierung dieser ungewollten Begleiter sehr gut. Und wer hätte jemals über Kleiderlaus, Kopflaus, Kleidermotte, Wanze, Hausstaubmilbe & Co. als spannendes Tier und nicht zuerst als Gegenstand der Bekämpfung nachgedacht? Eine tiefgreifende Sympathie wird man für das „Ungeziefer“ beim Lesen sicher nicht entwickeln, aber einer ganz eigentümlichen Faszination kann man sich schwer entziehen. Und wer hätte gedacht, dass man bei manchem Plagegeist wie der Hausratte oder der Tapetenmotte fast schon über Schutzmaßnahmen nachdenken müsste?
Die Kapitel zu den einzelnen Arten oder Gruppen sind knapp und übersichtlich gehalten. Ein kleiner Wermutstropfen: Ausgerechnet die Wasserwelt im Garten und Wohnzimmer wird komplett ausgespart. Dabei haben Menschen seit Jahrtausenden eine beträchtliche Energie darauf verwandt, Fische in Teichen und Bassins zu pflegen – ob als Nahrungsquelle oder zur „Zierde“. Psychologisch und evolutionsbiologisch hätte diese Beziehung sicher einiges Material geliefert.
Manchmal würde man sich auch noch ausführ­lichere Erklärungen, stärkere Vertiefungen wünschen. Das Werk ist jedoch insgesamt ein guter Überblick auf dem derzeitigen Stand des Wissens – und immer wieder tauchen überraschende Gedanken und Theorien auf, die gerade ein unkonventioneller Autor wie Reichholf sehr anschaulich zu begründen vermag. Hier erkennt man den denkfreudigen Zoologen, den argumentationsfreudigen Außenseiter, der in der Vergangenheit schon den Ursprung der Schönheit ergründet oder die Arten­vielfalt als Ergebnis des ­Mangels und keineswegs des Überflusses begriffen hat.
Besonders empfehlenswert ist „Haustiere“ sicher als fundierter Einstieg für Kinder und Jugendliche, die einerseits nicht überfordert, andererseits aber hinreichend herausgefordert und zu originellen Gedanken über unsere engsten Begleiter angeregt werden. Die Älteren bekommen reichlich Gelegenheit, alte Gewissheiten und überholtes Schulwissen zu prüfen – und nicht selten über Bord zu werfen.

Alexander Pentek

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxHerausgegeben von Peter van der Sleen und James S. Albert. 190 Farbfotos und 700 Zeichnungen, 464 Seiten, Softcover. Princeton University Press. ISBN-10 0691170746; ISBN-13 978-0691170749. Etwa € 45,50 (Print), € 34,12 (Kindle-Version)

Nun ist es endlich erhältlich, ein „Muss-Haben-Buch“ zumindest für (Süßwasser-)Fisch-Fans, die an südamerikanischen Arten interessiert sind: der „Field Guide to the Fishes of the Amazon, Orinoco & Guianas“, herausgegeben von Peter van der Sleen und James S. Albert.
Die Herausgeber haben es geschafft, dass so gut wie jeder, der in der südameri­kanischen Süßwasserfisch-Szene Rang und Namen hat, seinen Teil zu diesem Werk beitrug, von A wie Akama bis Z wie Zuanon. Sogar ei­nige Bilder der DATZ-Salmler-Hoffmänner finden sich in dem Buch. Allein die ­Liste der zum Inhalt der Publika­tion beitragenden Autoren umfasst 50 Namen und eineinhalb Seiten, die Danksagung enthält sicher über 100 Einträge, ich habe sie nicht gezählt.
Die Vorworte stammen aus den Federn zweier Autoritäten auf dem Gebiet der Amazonasforschung, Michael J. Goulding, wohl jedem Südamerika-Fischfan durch seine Bücher bekannt, und Luiz R. Mala­barba von der Federal University of Rio Grande do Sul in Porto Ale­gre, Brasilien. Jansen Zuanon vom INPA in Manaus hat die Korrekturen gelesen und ein Nachwort verfasst.
Bei diesem Feldführer handelt es sich natürlich nicht um ein Aquarienfischbuch, sondern um ein reines Bestimmungswerk. Der Field Guide behandelt auch nicht die gesamte Fischfauna der Neotropen, sondern nur die Fische von „Greater Amazonia“, die die Arten des Amazonas- und Orinoco-Einzugs sowie der Küstenflüsse der drei Guyana-Länder (Guyana, Surinam und Französisch-Guayana) umfasst, insgesamt ein Areal von etwa 8,4 Millionen Quadratkilometern (das entspricht un­gefähr 24-mal der Fläche Deutsch­lands, 100-mal dem Gebiet Österreichs und 200-mal der Größe der Schweiz).
Ziel der Veröffentlichung ist es, die Bestimmung aller Fische bis auf Gattungsebene zu ermöglichen. Die Herausgeber betonen, dass das Werk alle zurzeit bekannten Familien und Gattungen enthält, was sich bei der Zahl der jährlich neu erscheinenden taxonomischen Arbeiten zur südamerikanischen Fisch­fauna aber schnell ändern kann. Damit haben die Autoren sicher Recht, und schon beim Erscheinen dieses Buchs wurden sie von der aktuellen Taxonomie „überholt“, aber dazu später etwas mehr. Insgesamt werden in dem Guide circa 3.000 Arten aus 564 Gat­tungen, 63 Familien und 19 Ordnungen behandelt.
Das Buch ist in mehrere Abschnitte gegliedert. Vorworten, Danksagungen und Autorenliste folgt eine zehnseitige allgemeine Einführung, in der „Greater Amazonia“ definiert wird und Geschichte, Flusssysteme und Gewässertypen, Fischfauna und Artenzahl sowie Arten- und Umweltschutz behandelt werden; „Greater Amazonia“ wird hier in 20 weitere ökologische Regionen bezüglich der Verbreitungsgebiete der Fische unterteilt.
Es folgt eine dreiseitige Anleitung, wie dieses Buch zu benutzen ist, und dann geht es schon los mit dem Identifikationsschlüssel.
Die ersten neun Seiten bieten die Schlüssel zu den einzelnen Fischfamilien; hat man einen Fisch damit bis zur Familie bestimmt, wird man auf die entsprechende Seite zu dieser Familie verwiesen.
Auf den Familienschlüssel folgen 33 Seiten mit Fotos von diversen Arten aus allen Ordnungen und 60 (der 63 abgehandelten) Familien. Hier werden Farbaufnah­-men von Beispielarten auf schwarzem Hintergrund präsentiert, großteils Aufnahmen von lebenden Tieren, teilweise von konservierten Exemplaren. In diesem Teil finden sich die einzigen Fischfotografien des Buchs, und es enthält nur sehr ­wenige Landschafts- und ­Gewässeraufnahmen in der Einleitung. Sonst bietet es ausschließlich ausgezeichnete Strichzeichnungen der Fische sowie Landkarten.
Der Hauptteil des Werks, die Seiten 69 bis 402, umfasst die Schlüssel innerhalb der Familien, um die Fische ihren Gattungen zuzuordnen, angefangen mit den Bullenhaien (Familie Carcharhinidae) und endend mit den Kugelfischen der Gattung Colomesus (Familie Tetraodontidae).
Von allen Gattungen ist eine Beispielart mittels Zeichnung abgebildet, gelegentlich gibt es Detailgrafiken zu Bestimmungsmerkmalen. Es werden alle Arten der Gattungen genannt, ihr wissenschaftlicher Name sowie umgangssprachliche Bezeichnungen in Portugiesisch, Spanisch und Englisch. Zu jeder Gattung gibt es außerdem eine Verbreitungskarte.
Dem ausführlichen Bestimmungsschlüssel folgt ein zehnseitiger Teil mit Erklärungen von Fachbegriffen. Ein 56-seitiges Literaturverzeichnis, ein Fotoquellennachweis und ein fünfseitiger Index mit den wissenschaftlichen Fischnamen beschließen das Werk.
Der „Field Guide to the ­Fishes of the Amazon, Ori­noco & Guianas“ ist eine ein­zigartige Publikation, wie sie in dieser Form bisher noch nicht erschienen war. Eine komplette Übersicht über die Süßwasserfische des Amazonas- und Orinoco-Gebiets, das die artenreichste Süßwasserfischfauna unseres Planeten beherbergt, stellt auch einen ­Meilenstein in der ichthyologischen Literatur dar. Interessierte Aquarianer werden es lieben, in diesem Band zu schmökern, für in Südamerika reisende Liebhaber ist das Buch ein Muss, und auch für Biologen wird es wohl schnell zu einem Standardwerk werden.
Die Qualität von Druck und Abbildungen ist sehr gut, und bei einem für solche Werke doch erstaunlich günstigen Preis von rund 45 Euro gibt es für engagierte Liebhaber eigentlich keinen Grund, dieses Buch nicht zu kaufen. Es ist zwar in Englisch erschienen, aber zum Verstehen reichen bereits ­re­lativ geringe Sprachkenntnisse.
Der Field Guide wird zwar als komplette Übersicht der Fischfauna des Amazonas- und Orinoco-Gebiets angepriesen, aber die Herausgeber weisen, wie schon angemerkt, darauf hin, dass laufend neu erscheinende ichthyologische Arbeiten das Werk wohl bald nicht mehr ganz vollständig sein lassen werden.
Dass das Buch schon bei seinem Erscheinen (Ende Dezember 2017) nicht einmal mehr bezüglich aller Süßwasserfisch-Familien komplett sein würde, haben sie wohl gewusst. Im August letzten Jahres wurde nach ­einigem Hin und Her und ­etlichen ichthyologischen Diskussionen nämlich endlich die Beschreibung einer außergewöhnlichen wissenschaftlich neuen Art aus dem Amazonasgebiet veröffentlicht, deren systematische Einordnung die Biologen vor viele Rätsel stellte und die schließlich als Tarumania walkerae in einer eigenen neuen Familie (Tarumani­idae in der Ordnung der Salmlerartigen) platziert wurde (de Pinna et al. 2017).
Erstaunlich ist das deshalb, weil große Teile der Ichthyologen-Szene in Südamerika den (noch nicht ­publizierten) Namen – T. walkerae – schon lange kannten und einer der Ur­heber der Beschreibung, ­Jansen Zuanon, den Field Guide ja sogar als letzte In­stanz korrigierte.
Natürlich war die Arbeit bei Redaktionsschluss des Guide wahrscheinlich noch nicht pub­liziert, aber eine kleine Anmerkung, ohne den wissenschaftlichen Namen dieser sensationellen Art zu verraten, hätte man vielleicht doch anbringen können; die Publikation war schließlich jahrelang erwartet und der Fisch in der ­Szene weithin bekannt. Zumindest der Verfasser dieser Zeilen fand im Field Guide nichts darüber.
Das ändert aber gar nichts am Gesamteindruck der Publikation. Um mir ­unzählige Superlative zu er­sparen, charakterisiere ich sie mit einem Wort: Super!
Walter Lechner

Literatur
Albert, J. S., & R. E. Reis (Hg.) (2011): Historical biogeography of neotropical freshwater fishes. – Berkeley, Los Angeles, London. University of California Press.
De Pinna, M., J. Zuanon, L. Rapp Py-Daniel & P. Petry (2017): A new family of neotropical freshwater fish­es from deep fossorial Amazonian habitat, with a reappraisal of morphological characiform phylogeny (Teleostei: Ostariophysi). – Zoological Journal of the Linnean Society 20: 1–31.

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Harald Hauser. 68 Seiten, 15 Fotos, 16 Grafiken und Tabellen, Broschüre, Klammerheftung. biophil-Verlag, Brieselang, 2017. Bezug direkt vom Verlag, Ulmenweg 1 e, 14656 Brieselang, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. 15 €

Mit den Urzeitkrebsen Brandenburgs beschäftige ich mich bereits seit einigen Jahren und habe in dieser Zeitschrift auch schon einen ausführlichen Artikel dar­über veröffentlicht (DATZ 3 und 4/2013). Umso mehr freut es mich, dass zu den ­interessanten Tieren kürzlich ein kleines Buch erschienen ist.
„Urzeitkrebse“ ist kein wissenschaftlicher Terminus. Vielmehr wurde der ­Begriff von der Jugendzeitschrift „Yps“ geprägt, die in den 1980er-Jahren mit Artemia-Aufzucht-Sets als Beilage diese Tiergruppe ­einer breiteren Schicht bekannt machte. Die Bezeichnung hat sich als Populärname
für Großbranchiopoden oder Kiemenfußkrebse durchgesetzt. Er ist durchaus passend, handelt es sich bei diesen Tieren doch um stammesgeschichtlich sehr alte Organismen.
Besonders spannend an dieser Tiergruppe ist ihre ex­treme Anpassung an tem­poräre Gewässer, deren Trockenzeiten sie eingekapselt als Zysten (umgangssprachlich oft als „Eier“ bezeichnet) im Bodengrund verbringen.
In Brandenburg gibt es zwei Gebiete, in denen die sonst seltenen Tiere Vorkommens-Schwerpunkte haben, nämlich die Döberitzer Heide mit dem zu den Kiemenfüßern (Anostraca) zählenden Feenkrebs Branchipus schaefferi und dem zu den Rückenschalern ­(Notostraca) gehörenden Schildkrebs Triops cancriformis – beide Arten sind dort nur im Sommer in Pfützen zu finden – sowie, ganz in der Nähe, der Brieselanger Forst mit dem Feenkrebs Eubranchipus grubii und dem Schildkrebs Le­pidurus apus, beide ausschließlich im Winter in Schmelzwassertümpeln anzutreffen.
Harald Hauser, der seine Publikation im Eigenverlag herausbrachte, lebt in Brieselang und hat somit die wichtigsten Vorkommen direkt vor seiner Haustür. Sein Buch dient zur Bestimmung der Arten und zur Beschreibung ihrer Lebensweise und Habitate. Hinweise zur Aquarien- oder Gartenteichhaltung von Urzeitkrebsen hingegen sucht man vergeblich. Sie wären auch wenig sinnvoll, denn die einheimischen Arten sind entweder geschützt oder aufgrund der benötigten niedrigen Temperaturen im Aquarium gar nicht haltbar. Dazu eignen sich tropische Formen, die sich einfach im Internet beziehen lassen, viel besser.
So liefert der Autor eine ausführliche Einführung in das Thema „Was sind Urzeitkrebse?“, erläutert in verschiedenen Kapiteln „Körperbau und Verwandtschaft“, „Lebensweise“, „Lebensräume“, „Gefährdung und Schutz“.
Am „Fallbeispiel Brieselanger Forst“ wird die Ana­lyse von Gefährdung und Schutz der Großbranchiopoden in einem konkreten Lebensraum anhand eines Management-Plans für dieses FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU) im Osthavelland wiedergegeben.
Es folgen die Kapitel „Nutzung“, „Beobachten“, „Bestimmungsschlüssel“ und „Arten“. Dort werden alle in Brandenburg gefundenen Großbranchiopoden – Artemia salina, B. schaefferi, Tanymastix stagnalis, E. grubii, L. apus, T. cancriformis, Limnadia lenticularis und Lynceus brachyurus – mit Bestimmungsschlüssel und -zeichnung sowie einer Beschreibung ihrer Ökologie vorgestellt. Den Abschluss bildet eine his­torische Betrachtung zum Typusfundort der Spezies E. grubii beim „Alten Finkenkrug“.
Abgerundet wird das Werk mit einem kleinen Glossar und einem sehr ­umfangreichen Literaturverzeichnis.
Das Buch ist mit zahl­reichen Lebensraumfotos und Zeichnungen illustriert, auch mit großen Bestimmungstafeln. Damit wird es dem Naturfreund, der sich auf den Spuren Theodor Fontanes oder andernorts auf die Suche nach diesen faszinierenden Kleinkrebsen begibt, eine große Hilfe.
Florian Lahrmann