margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Richard Dawkins. Aus dem Amerikanischen („Science in the Soul“) übersetzt von Sebastian Vogel. 528 Seiten, gebunden. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2018. ISBN 978-3-843-71838-7. 24,99 €

Im vergangenen Herbst erschien eine Sammlung von 41 wissenschaftlichen Beiträgen verschiedenster Art – Essays, Vorträge, Briefe … – eines der führenden In­tellektuellen unserer Zeit.Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins ist ­naturwissenschaftlich in­teressierten Menschen wie den Lesern der DATZ vermutlich bekannt, sein Beitrag zum modernen Verständnis der Darwinschen Evolutionstheorie war gewaltig, sein Modell einer natürlichen Selektion auf der Ebene der Gene revolutionär.
Nebenbei führte er im selben Buch („Das egoistische Gen“) den Begriff „Mem“ als kulturelles Äquivalent zum biologischen Gen ein. Und nun wuseln „Memes“ durch alle sozialen ­Internetportale und Messenger: Bilder mit einem kurzen Text, die sich rasch verbreiten. Das ist zwar nicht genau das, was Dawkins gemeint hatte, aber ganz unpassend ist die Bezeichnung nicht.
Allerdings, und das veranschaulicht das vorliegende Buch hervorragend, gehen Dawkins’ Interessen weit über die Evolutions­biologie hinaus. Im Grunde ist es, wie sein restliches Schaffen auch, ein einziges großes Plädoyer für die Vernunft. Ausgehend von einer einzigen Prämisse – dass vernünftiges, (natur)wissenschaft­liches Denken der beste und einzig sinnvolle Weg zu Erkenntnis und berechtigten Überzeugungen ist –, widmet er sich einer Vielzahl verschiedenster Themen und kann, dank seiner Begeisterung für den Skeptizismus, zu allen etwas Gehaltvolles sagen.
Man muss nicht immer einverstanden sein, aber jede Schlussfolgerung ist in sich logisch schlüssig und so voller Elan formuliert, dass es ein Vergnügen ist, sie nachzuvollziehen.
Hilfreich bei der Lektüre ist es allerdings, wenn der Leser besagter Prämisse ­zustimmt, also verstanden hat, dass Wahrheit einen Wert an sich besitzt. Mit ­der Einführung in diese Perspektive beginnt das Buch.
Unter der Überschrift „Wert(e) der Wissenschaft“ erklärt Dawkins, warum ­Naturwissenschaft unabhängig von irgendwelchen Glaubenssystemen, also unverfälscht, betrieben werden muss und warum jeder se­riöse Wissenschaftler in der ständigen Demut und Gewissheit arbeiten muss, seine komplette Arbeit samt ­allen Theorien und Überzeugungen, die er bisher vertrat, radikal über den Haufen werfen zu müssen, sobald es gute Gründe dafür gibt.
Und so sehr Dawkins gute Gründe liebt, verabscheut er schlechte, beispielsweise die Behauptungen irgendwelcher wissenschaftsfeindlichen Scharlatane. In Deutschland spitzt sich die Debatte um Sinn und Unsinn von Homöopathie zurzeit etwas zu, und das ist gut so, weil der Unfug dieser Pseudomedizin ja ziemlich offensichtlich ist und sowohl rational als auch empirisch oft genug als solcher enttarnt wurde. Eine erfreuliche Entwicklung also, aber noch schöner wäre es, ginge Dawkins’ Wunsch in Erfüllung: „Meine Werte mögen verschroben sein, aber ich würde es begrüßen, wenn die Natur vor ­Gericht ebenso vertreten würde wie ein misshandeltes Kind.“
Wie vehement er für seine Werte eintritt, verdeutlicht ein weiterer Beitrag im ersten Teil ein offener Brief an Prinz Charles, der bei einer Vorlesung die wagemutige Gewichtung von Intui­tion über wissenschaftliche Erkenntnisse postuliert hatte. Dawkins weist ihn in einer Mischung aus elegantem Respekt („Königliche Hoheit, Ihre Reith-Vorlesung hat mich betrübt.“) und recht deutlichen Worten („Natürlich sollen wir einen offenen Geist haben, aber er soll nicht so offen sein, dass das Gehirn heraustropft.“) darauf hin, dass Intuition ­niemals so verlässliche Ergebnisse liefern könne wie die Wissenschaft und außerdem per definitionem subjektiv ist: „Aber wie steht es mit der instinktiven Weisheit im schwarzen Herzen von Saddam Hussein? Was zeich­nete den wagnerianischen Wind aus, der durch Hitlers verbogene Zweige wehte?“
Gerade bei wichtigen Entscheidungen, etwa politischen oder ökologischen, komme es darauf an, „lieber nicht [zu] fühlen, sondern [zu] denken. Und denken heißt hier wissenschaftlich denken. Eine leistungsfähigere Methode gibt es nicht. Gäbe es sie, die Wissenschaft würde sie übernehmen.“
Dieser Brief, gerade wenn man oben genannte Prämisse teilt, ist einer von vielen Beweisen in dem Buch da­-für, dass wissenschaftliches Denken kein bisschen trocken sein muss. Dawkins’ Enthusiasmus ist so ansteckend und begeisternd, klug, britisch und ­zuweilen lustig, dass man sich wünscht, John Cleese würde eine Hörbuchversion aufnehmen.
Die weiteren Kapitel decken so unterschiedliche Themen ab wie Feuerwerksverbote, das US-amerika­nische Justizsystem, den Umgang mit Tieren, natürlich Evolutionsbiologie, persönliche Erinnerungen an Freunde und Familienmitglieder und – das darf bei Dawkins nicht fehlen, ist es doch neben der Biologie das zweite große Gebiet, in dem er Bestseller veröffentlichte – Religionskritik.
Seine Einstellung zu irra­tionalen Glaubenssystemen, egal wie kulturell anerkannt sie sind, wird bereits in der Überschrift deutlich: „Denkverbote, dummes Zeug und Durch­ein­ander“. Auch hier findet sich ein offener Brief an ­einen hochkarätigen Politiker, es gibt aber auch kluge philosophische und sozio­logische Überlegungen zur Religion.
Höhepunkt von und ­Beweis für Dawkins’ Schlagfertigkeit ist allerdings die Mitschrift eines Vortrags in Alabama. In den USA gelingt leider immer noch sehr vielen Menschen das kognitive Kunststück, im 21. Jahrhundert an die Schöpfungsgeschichte zu glauben.
Mitte der 1990er-Jahre sollte Dawkins in diesem Staat einen Vortrag halten, bekam aber unmittelbar vor Beginn einen ­Zettel, der damals auf Anweisung des Bundesstaates in alle an staat­lichen Schulen verwendeten Schulbücher gelegt werden musste. Ziel dieses Einlegeblatts war es, den Kreatio­nismus im Biologieunterricht zu vermitteln und gleichzeitig die Evolu­tionstheorie zu diskreditieren. Spontan entschied sich Dawkins dazu, seinen vorbereiteten Vortrag nicht zu halten, sondern stattdessen die Behauptungen des Zettels der Reihe nach zu kritisieren, als sei er ein Anwalt und verteidige
vor Gericht die Natur.
Das Buch versteht sich aber nicht, das darf nicht falsch gesehen werden, als „Best of“, sondern als Sammlung rückblickender Ergänzungen. Dennoch ist es sowohl für Dawkins-Neu­linge als auch Kenner sehr empfehlenswert.
Die einen erhalten einen umfassenden Einblick in sein facettenreiches Denken und können dann, bei Bedarf, tiefer in die Materie eintauchen und je nach Interessens­-gebiet seine Monografien zu Evolutionsbio­logie, Naturwissenschaft im Allgemeinen oder Religionskritik lesen.
Den anderen werden zwar einige der formulierten Gedanken bekannt vorkommen, der Großteil beleuchtet aber weitere Aspekte oder ganz neue Themen, die in den bisherigen Büchern nicht behandelt wurden.
Eine Kaufempfehlung ist also ganz natürlich, in sich logisch schlüssig und hätte vor Gericht selbst beim un­erbittlichsten Richter Bestand.

Arne Stawikowski

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Christel Kasselmann. Vierte, erweiterte Auflage. 640 Seiten, 830 Farbfotos, acht Zeichnungen, elf Tabellen, gebunden. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 2019. ISBN 978-3-8186-0699-2. 69,95 €

Als ich die Neuauflage von Christel Kasselmanns „Aquarienpflanzen“ zum ersten Mal in der Hand hielt, war ich beeindruckt von der großen Zahl der ­behandelten Arten. Auf 480 Seiten des 640 Seiten starken Werks werden nicht ­weniger als 500 Wasserpflanzenarten in alphabe­tischer Folge aufgeführt, in brillanten Fotos abgebildet und in einem sinnvoll gegliederten, verständlich formulierten Text erläutert.
Zu Beginn erklärt die Autorin in mehreren Kapiteln Grundlegendes über Wasserpflanzen: die öko­logischen Faktoren an den Standorten wie Temperatur und Licht, Bodengrund, Gewässertypen und Wasserwerte.
Allgemeines zum Aufbau, zur Vermehrung und zur Anzucht von Pflanzen schließt sich an. Kasselmanns Ausführungen sind so gründlich und fundiert, dass ihr Buch sowohl als Lehr- wie auch als Nachschlagewerk für botanische Gärten und Gärtnereien zu empfehlen ist.
Die Beschreibungen von nicht weniger als 78 Lebensräumen füllen ­allein 34 Seiten des Buchs. Hier werden die geologischen, physika­lischen und chemischen Merkmale der Gewässer sowie ihre sai­sonalen Veränderungen geschildert.
Die Schwankungen des Wasserstands, die zu Überschwemmungen und trockenen Phasen führen, verlangen von vielen Pflanzen besondere Anpassungen, etwa die Ausbildung fein gegliederter Blätter unter Wasser, aber robusten Laubs für die terrestrische Lebensphase. So trägt beispielsweise der Hornfarn (Ceratopteris) submers aufgefächerte, schmale Blätter, um den Stoffaustausch im Wasser zu begünstigen. Bei sinkendem Pegel bilden sich runde, längliche Strukturen, die die Verdunstung herabsetzen.
Andere Anpassungen sind bei starker Strömung oder kräftigem Wellengang erforderlich, Bedingungen, unter denen die Pflanzen besonders stabil sein müssen.
Manche Arten weisen gleichzeitig Merkmale auf, wie sie für submerse und für emerse Pflanzen charakteristisch sind. So sind die Blätter der Seerosen an ihrer Unterseite an aquatische Bedingungen angepasst, sodass sie Nährstoffe aus dem Wasser aufnehmen können, auf der Oberseite hingegen mit einer Cuticula vor Verdunstung geschützt.
Schwimmpflanzen wie Azolla- oder Salvinia-Arten verfügen über lufthaltige Schwimmzellen, sodass sie atmosphärischen Gaswechsel treiben und dem Was­ser mit bestimmten Organen mineralische Nährstoffe entnehmen können.
Zu diesen Themen gibt es in Kasselmanns Buch viele weitere Beispiele, und manchen Leser wird es wundern, dass viele Aqua­rienpflanzen sowohl submerse als auch emerse Lebensformen bilden, obwohl sie meist nur untergetaucht zu sehen sind.
Damit der Lesefluss nicht durch die Aufzählung der einzelnen Wasserparameter beeinträchtigt wird, gibt es zu jedem Standort im letzten Teil des Buchs eine ausführliche Tabelle (Kapitel „Service“).
Im Vergleich zu den Bedingungen an den natür­lichen Standorten werden Licht und Lichtdauer, Wassertempe­ratur und pH-Wert, Nährstoffe, Wasser­bewegung, Sauerstoffgehalt und weitere Faktoren im Aquarium beschrieben.
Beim Thema „Beleuchtung“ geht die Autorin sowohl auf die einzelnen Leuchtmittel und ihre besonderen Lichtqualitäten ein als auch auf die Messung
des für die Pflanzen zur Fo­tosynthese nutzbaren Lichtes, ermittelt als par-Wert. Dabei ist neben der Beleuchtungsstärke die Beleuchtungsdauer von Bedeutung.
Physiologische Aspekte wie Wasserchemismus und Bodengrund kommen ebenfalls nicht zu kurz. Hier findet der Leser weitere hilf­reiche Hinweise für die ei­gene Pflanzenkultur.
Da verschiedene Arten innerhalb einer Gattung sich in vegetativen Merk­malen, also in der Blattform, nur wenig unterscheiden, ist die Blütenform ein hilfreiches Kriterium zur Bestimmung und Abgrenzung. Deswegen wird der Blütenaufbau verschiedener Wasserpflanzen ausgiebig behandelt, unterstützt von anschaulichen ­Fotos und Zeichnungen.
Es folgt das interessante Thema der Pflanzenver­mehrung über Samen, Stecklinge, Ableger, Teilungen, Brutknospen oder Knollen.
Neben der generativen und der vegetativen Vermehrung wird auch die Gewebekultur erwähnt, der ja viele Aquarienpflanzen entstammen. Gärtnereien mit der ­entsprechenden apparativen Ausrüstung und den notwendigen Kenntnissen können den Handel effektiv bedienen. Meist schneidet man aus den Wachstumszonen der Blätter kleine Stückchen heraus, die man auf einem Nähr-Gel auswachsen lässt. Das muss steril erfolgen, und die Nährmedien müssen die richtige Zusammensetzung an ­Mineralien, Vitaminen und Wachstumshormonen haben.
Vor den Steckbriefen der einzelnen Arten stellt Kasselmann für Anfänger eine Reihe einfach zu pflegender Arten mit einer übersicht­lichen Tabelle zum Pflege­aufwand vor.
Der alphabetische Teil der Einzelbeschreibungen umfasst 480 Seiten. Von den Wasserähren (Apono­geton) werden sicher ein paar allgemein bekannt sein, aber insgesamt 41 Arten sind doch eine beeindruckende Zahl; auf Fotos ist der Habitus jeder einzelnen Spezies dargestellt. Neben den vegetativen Merkmalen sind oft die Blüten oder die Blütenstände ein wichtiges Bestimmungsmerkmal.
Eine weitere bekannte umfangreiche Gattung ist Cryptocoryne. Neben reinen Arten gibt es in der Natur auch Hybriden. Eine Tabelle mit 69 Wasserkelcharten veranschaulicht die Vielfalt und die Kreuzungsmög­lichkeiten dieser populären Pflanzen, denen 50 Seiten des Buchs gewidmet sind. Eine nicht minder beliebte Gruppe sind die Schwertpflanzen (Echinodorus), ihnen gehören 57 Seiten.
Neben diesen drei artenreichen Gattungen gibt es aber noch viele weitere Genera und Spezies, die den Botaniker und den Aquarianer ebenso interessieren.
Mit der übersichtlichen Gliederung, dem professionelle Layout und der Fülle an Artbeschreibungen  ist das Buch eine Fundgrube mit wertvollen Informationen für den Leser. Die Fotos zu den beschriebenen Arten sind wichtige Elemente bei der Bestimmung. Die alphabetische Darstellung macht die Lektüre übersichtlich und erleichtert das Auffinden der gesuchten Pflanze.
Der Service-Teil bietet weitere nützliche Informationen. Eine Tabelle führt für nicht weniger als 174 Arten die Mindest-, Optimal- und Maximaltemperaturen auf (und belegt die Erfahrungen der Autorin mit der praktischen Kultur von Aquarienpflanzen).
Eine weitere Tabelle beschreibt den Lichtumfang, innerhalb dessen die einzelnen Arten gehalten werden oder gedeihen können. Zu den 78 anfangs vorgestellten Fundorttypen gibt es jeweils 23 Parameter, die unter anderem die Wetterverhältnisse, die Wasserwerte, den Bodengrund und die Chemie der Standorte betreffen.
Ob Ökologie, Kultur oder Artbestimmung – in jeder Hinsicht ist Kasselmanns Buch ein exzellentes Nachschlagewerk für Botaniker und botanisch interessierte Aquarianer, ein Standardwerk eben!
Ingo Botho Reize

 

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Atlant Bieri. 240 Seiten, Klappenbroschur. Orell Füssli Verlag, Zürich, 2018. ISBN 978-3-280-05680-6. 20 €

Im Prolog beschreibt der Autor, welche Pflanzen im Garten seiner Eltern standen: Götterbaum (Ailanthus altissima), Robinie (Robinia pseudoacacia), Drüsiges Spring­kraut (Impatiens glandulifera), Riesenbärenklau (Hera­cleum mantegazzianum) und Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus).
Das war vor 30 Jahren. Damals wurde das bewundert, und im Kirschlorbeer konnte man sich gut verstecken. Diese Pflanzen sind ­invasive Arten, die von an­deren Kontinenten eingeschleppt wurden und heimische verdrängen.
Das erste Kapitel führt den Leser an das Thema heran. Zu den invasiven Arten gehören neben Tieren und Pflanzen auch Pilze und Krankheitserreger. Die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus gilt als „Stich-Datum“: Als Neobiota (gebietsfremde Arten) bezeichnet man Tier- und Pflanzenarten, aber auch ­Pilze und Krankheitserreger, die seit dem Jahr 1492, etwa durch den verstärkten Gü­teraustausch, weltweit verbreitet werden. Begriffe wie „heimische“, „exotische“ und „invasive Arten“ sind auf einer Seite kurz und knapp erklärt.
Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Aufbau von Ökosystemen. In einem Gespräch mit Dennis Hansen (Zoologisches Museum der Universität Zürich) werden die grundlegenden Regeln erläutert: 1. Geben und Nehmen. 2. Anpassung. 3. Niemand ist Superman. 4. Jeder hat einen Feind. 5. Spezialisierung.
Das dritte Kapitel dreht sich um Tiere, Pflanzen, Pilze und Krankheiten, die Seefahrer in ferne Länder gebracht haben. Katzen, Ziegen, Schweine, Ratten und Mäuse sind bekannte Beispiele. Sie fanden in ihrer neuen Heimat keine Feinde, vermehrten sich und dezimierten die dort ­lebenden Arten.
Im vierten Kapitel erfährt der Leser, wie gefährlich eingeschleppte Pflanzen in ihrer neuen Umgebung sein können. Eukalyptus (Eucalyptus spp.) etwa brennt aufgrund seines Öls sehr gut, sodass gewaltige Waldbrände entstehen können – wie 2017 in Portugal.
Das fünfte Kapitel beschreibt Bedrohungen für Seen und Flüsse. Großer Höckerflohkrebs (Dikerogrammus villosus), Wandermuschel (Dreissena polymorpha) und Schwarzmaulgrundel (Neogobius melanostomus) sind Beispiele für Arten, die im Ballastwasser von Schiffen nach Westeuropa gelangten.
Im sechsten Kapitel geht der Autor auf Gefahren für die Meere ein. Auch hier ist es das Ballastwasser, das etwa den Nordpazifischen Seestern (Asterias amurensis) nach Südaustralien, ­Tasmanien und Neuseeland brachte, wo dieser Stachelhäuter aufgrund fehlender Feinde die autochthone Artenvielfalt bedroht.
Das siebte Kapitel schildert Medien, mit deren Hilfe invasive Arten reisen können. Gemüse, Früchte, Jungpflanzen, Schuhsohlen oder das Holz von Paletten ge­hören dazu.
Schäden in der Landwirtschaft, die eingeschleppte Pilzkrankheiten und Insekten wie die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) aus ­Asien verursachen, sind das Thema des achten Kapitels.
Um Auswirkungen auf Gebäude geht es im neunten Ka­pitel. So untergruben Nu­trias oder Biberratten (Myocastor coypus) in der Schweiz einen 450 Kilometer langen Kanal und richteten Schäden in Höhe von acht Millionen Franken an.
Waschbären (Procyon lotor) klettern in Häuser und zernagen alles, was ihnen zwischen die Zähne gerät. Auch invasive Insekten sind in der Lage, Immobilien nachhaltig zu beschädigen.
Mit der Gesundheit des Menschen befasst sich der Autor im zehnten Kapitel. Als Masern und Pocken in die Neue Welt eingeschleppt wurden, verfügte die dortige Bevölkerung über keine Abwehrkräfte. Und tropische Mückenarten übertragen Viren, die in Europa schwere Krankheiten auslösen.
Um die besonderen Lebensgemeinschaften auf Inseln geht es im elften Kapitel. Fehlen Feinde, die sich gegen Katzen, Ratten oder Mäuse zur Wehr setzen können, bedeutet das oft das Ende der dort vorkommenden endemischen Arten.
Das zwölfte Kapitel beschreibt, wie man gegen invasive Arten vorgehen kann und sollte: vorbeugen, damit sie gar nicht erst einwandern können; vollständig entfernen, sofern noch machbar; eindämmen, damit sie sich nicht weiter ausbreiten; Maßnahmen zur Anpassung treffen, um ein Nebeneinander mit heimischen Arten zu ermöglichen (was aber nur mit viel Mühe und hohen Kosten gelingt).
Um Kosten, die invasive Arten in den letzten Jahren weltweit verursacht haben, geht es im 13. Kapitel.
Das 14. Kapitel nennt ­Beispiele für typische Pro-und-Kontra-Situationen: Biberratten werden mancherorts von Menschen gefüttert, was die Tiere zutraulich macht und ihre Bekämpfung erschwert. Das Gleiche gilt
in Köln für die Halsbandsit­tiche (Psittacula krameri), deren Geschrei und Kot einfach nur stören. Der Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii) zieht viele Bienen und Falter an, verdrängt aber heimische Pflanzenarten.
Im 15. Kapitel erfährt der Leser, wie einfach es ist, an Tier- und Pflanzenarten zu kommen, die nicht in unsere Natur gehören. Seit 2014 gibt es zwar die „Unionsliste“ (siehe DATZ 10/2017 und 1/2019), aber Händler durften die dort aufgeführten Tierarten noch ein ganzes Jahr lang weiter verkaufen.
Kapitel 16 erläutert inva­sive Exporte. So führten die Briten etwa den Rotfuchs (Vulpes vulpes) für ihre tra­ditionelle Fuchsjagd in Aus­tralien ein, wo er der autochthonen Tierwelt großen Schaden zufügte.
Auch das 17. Kapitel bringt Beispiele für die gezielte Einfuhr von Arten in fremde Länder. So ist die Aga-Kröte (Rhinella marina) eine effiziente Insektenver­tilgerin und wurde deshalb 1935 nach Queensland verbracht. Zwar fraß sie dort, was sie fressen sollte, aber ihre starken Hautgifte töteten Tiere, die wiederum sie erbeutet hatten.
Allerdings gibt es mit­unter Arten, die sich an Neuankömmlinge anpassen und sie sogar zu nutzen lernen, wie der Leser in Kapitel 18 erfährt. So fanden die Krähen in Queensland heraus, wie sie an die genießbaren Teile der Aga-Kröte gelangen, um sie zu fressen. Solche Anpassungsprozesse verlaufen jedoch sehr langsam.
Dass sich ursprüngliche Schädlinge im Lauf der Zeit auch zu Nützlingen entwickeln können, zeigt das 19. ­Kapitel. Die Robinie ist mit Klee und Erbse ­(Familie der Hülsenfrüchtler, Fabaceae) verwandt. Ihre Wurzeln produzieren Dünger für andere Pflanzen, sodass man sie auf Böden ansiedeln kann, die keine Nährstoffe enthalten.
Das 20. Kapitel weist Wege in die Zukunft. Immer mehr Arten wandern rund um den Globus, folgen Touristenströmen und Warenverkehr. Daraus ergibt sich die wichtige Aufgabe, ge­nauer hinzusehen, um zu ­erkennen, was in importiertem Holz versteckt sein könnte oder ob eingeführte Jungpflanzen wirklich frei von tierischen „Passagieren“ sind.
Atlant Bieri hat zu den behandelten Themen zahlreiche Gespräche geführt, Literatur- und Referenzverzeichnis zeigen es. Der Leser findet sehr ausführliche und gut verständliche Darstellungen der teils komplexen Sachverhalte. Das Buch hat mir viele neue Informationen zu invasiven Arten ge­geben, ich gönne ihm und seinem Verfasser ein lebhaftes Feedback.
Das Einzige, was ich mir noch gewünscht hätte, wäre ein Stichwortverzeichnis gewesen, um schnell und gezielt zu den einzelnen Aspekten des Themas zu finden.

Elfriede Ehlers

 

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Tom Hird. 352 Seiten, gebunden. Terra Mater Books, Elsbethen (Österreich), 2018. ISBN 978-3-99055-004-5. 24 €

Wie hübsch: Ein Autor, der sich im Vorwort dafür bedankt, dass man Geld für dieses Buch ausgegeben hat. Und gleich vorweg: Es lohnt sich! Tom Hird ist Wissenschaftsjournalist, Meeresbiologe, Taucher, engagierter Umweltschützer, und alle seine Talente und Interessen fügt er in diesem Buch aufs Beste zusammen.
Nichts liest sich angenehmer, nichts ist unterhaltsamer und einprägsamer als durchaus anspruchsvol­-le Materie, verpackt in ein populärwissenschaftliches Mäntelchen. Da hat nämlich jeder etwas davon: Der Autor weiß, sein Wissen wird weitergetragen, und der Leser hat ­neben bester Unterhaltung in Appetithäppchen eine nachhaltige Lektüre.
291 Geschichten auf 352 Seiten, schnell ist da er­rechnet, dass es kurze Betrachtungen sind, Spots, Steckbriefe. Themen, die schon Interesse fordern, aber auch unweigerlich wecken, die jedoch so formuliert und geschrieben sind, dass auch Ozean-Laien sie gut verstehen.
Also, auf in die Welt der Gezeiten, Gischt und Wellen, der Strömungen und Küsten! Langsam begibt sich Tom Hird in die faszinierende Welt der Ozeane, so wenig erforscht, so geheimnisvoll und unentdeckt. Behandeln die ersten Kapitel die Küsten, Küstenmeere und Korallenriffe, geht es dann ins offene Meer, in die Tiefsee und in die Eismeere, zu ihren Bewohnern und ihren Eigentümlichkeiten.
Ab 200 Metern Wasser­tiefe „wird das Licht immer schwächer und die Foto­synthese ist keine zuverläs­sige Methode mehr, um das Überleben zu sichern. Die tiefsten Tiefen des Ozeans sind bei schwindelerregenden elf Kilometern …, die durchschnittliche Tiefe liegt immerhin bei beeindruckenden 3,7 Kilometern. Dieser riesige Wasserkörper, der die Tiefsee um­-fasst, bietet 95 Prozent des potentiellen Lebensraumes auf dem Planeten“. Stattlich, wir sollten den Ozeanen unbedingt mehr Aufmerksamkeit widmen, sie nicht durch Gift­stoffe, Plastik, Überfischung zerstören!
Was da unten alles lebt, schwimmt, sich ernährt und fortpflanzt, das beschreibt Hird anschaulich: den Pazi­fischen Viperfisch, Alptraum eines jeden Zahnarzts, den Schleim­aal, der so viel Schleim produzieren kann, dass die Kiemen seiner Fressfeinde im Nu verstopft sind, den Dreibeinfisch, dessen Flossen wie Sensoren Nahrung aufspüren und sie zum Maul fächern.
Spannend auch das Por­trät der Riesenstaatsqualle, die mit ihren langen Tentakeln in der nährstoffarmen Tiefe des Meeres Nahrung findet. „Dieses sehr schlanke, aber enorm lange Lebewesen kann 50 Meter lang werden und hat dadurch Zugang zu einem riesigen Gebiet im Ozean.“
Wer mit so viel Leidenschaft so viele Aspekte und Kurzporträts von Ozean-Bewohnern zusammenstellt, der muss selbstverständlich auch seine Kritik loswerden dürfen, und die ist schließlich mehr als berechtigt:
• Muss der bedrohte Hai, beziehungsweise müssen seine Flossen in der Suppe ­landen?
Müssen Fische für die Aquaristik-Industrie mithilfe von Zyanid gefangen werden?
• Müssen touristische Taucher ihre Initialen in Korallen ritzen?
• Warum könnten mehr Wale überleben, wenn Schiffe etwas langsamer den Ozean überquerten?
• Interessiert’s, wenn man ­japanisches Cäsium aus Fukushima in kalifornischem Thunfisch findet?
• Warum wird wertvoller Beifang über Bord gekippt?
• Wie ist die Ozeanversauerung durch viel zu viel Kohlenstoffdioxyd zu stoppen?
Nachdenkliches beendet das Buch, bildet den Abschluss eines gleichermaßen bunten und kritischen Kaleidoskops. Nicht vergessen werden sollte, so Hirds Plädoyer: Die Ozeane – immerhin bedecken sie drei Vier­­tel unserer Erdoberfläche – sind auf lange Sicht der Schlüssel zu un­serer eigenen Gesundheit und unserem Überleben.
Ein Buch, mit dem man sich Zeit lassen kann, dem es egal ist, wo Sie mit der Lektüre beginnen. Aber wenn Sie damit anfangen, dann werden Sie interessiert auf diese Reise mitgehen!

Barbara Wegmann

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxEine Erzählung aus Kolumbien von Melba Escobar de Nogales (ab neun Jahren). 112 Seiten, mit Illustrationen von Elizabeth Builes, gebunden. Baobab Books, Basel, 2018. ISBN 978-3-905804-83-6. 15,90 €

Pedro war so glücklich, dass er nicht mehr in seine Kleider passt. „Jetzt wirst du endlich das Meer sehen.“
Seine Mutter schwärmt von den vielen Farben des Meeres, als sie im Flugzeug auf dem Weg zu einer Insel in der Karibik sind. Aufgeregt ist Pedro, all seinen ­Mitschülern hat er von der Reise erzählt, aber dann geht ihm plötzlich eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: „Mama, warum ist Papa nicht mitgekommen?“
Die Mutter eröffnet dem kleinen Jungen, dass sein Vater fort ist und sie nicht ­gewusst habe, wie sie es ihm sagen soll. Pedro, wütend, unglücklich, enttäuscht und hilflos, rennt weg, läuft und läuft, ohne Ziel, ohne Orientierung. Sein Schmerz ist groß. „Als das Meer schließlich in der Dunkelheit verschwand, stiegen Pedro die Tränen in die Augen. Er fürchtete sich, aber die ­Müdigkeit war stärker.“ Die Mutter, in großer Sorge, ­startet eine Suchaktion.
Große Schrift, übersichtliches Layout, unterhaltsam nicht nur vom Inhalt. Die farblich dezenten Illustra­tionen von Elizabeth Builes, oft ganzseitig oder kleinere Details aus dem Erzählten aufgreifend, lassen für Fantasie und eigenes Erzählen viel Spielraum.
Im leicht lesbaren Text entwirft die Kolumbianerin Melba Escobar de Nogales in ihrer ersten Geschichte für Kinder eine spannende Szenerie.
Das Schicksal des weggelaufenen Jungen, an einem fremden Ort, alles ist anders als zu Hause, es gibt Seeräuber und Piraten und so viel Neues zu entdecken. Neue Eindrücke, neue Bekanntschaften, wie die zu einem alten Seemann und zu Vic­toria, einer äußerst gesprächigen Papagei-Dame. Die sitzt so dicht neben ihm, dass ihm ihr ekliger Geruch in die Nase steigt. „Sag mal, badest du nie?“, fragt Pedro mit einem angewiderten Gesicht. „Nein. In den letzten dreihundert Jahren kein einziges Mal.“
Eine ans Herz gehende Geschichte, die von einem großen Schmerz und Verlust erzählt, aber auch davon, welche unerwarteten Wege das Leben einschlagen kann.
Ein sehr liebevoll gestaltetes Buch, das man blind kaufen darf, kommt es doch aus einem Verlag, der sich der Förderung „kultureller Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur“ verschrieben hat und Geschichten bietet, die man sich unter dem Affenbrotbaum, dem Baobab, erzählt.
Besonders schön wird die Erzählung, wenn man das Nachwort der Autorin liest, die ab und zu einfach mal weg muss, wie sie schreibt. „Zum Beispiel, um mich treiben zu lassen, weil ich die alten Wege schon viel zu gut kenne.“ So war sie selbst auch auf jener Karibikinsel und lernte den alten Seemann kennen, der übrigens weiß, dass „man erst verloren gehen muss, um sich zu finden“. Johnny, so sein Name, habe ihr beigebracht, dass ein Fremder, so fremd er uns auch erscheinen möge, ein Mensch sei, den wir gern haben können, wenn wir ihn nur nahe genug an uns heranlassen.
Eine Erzählung für junge Leser ab neun Jahren, die aber auch bei den erwachsenen Vorlesern nachhallt.
Barbara Wegmann