margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxChanning, A. & M.-O. Rödel (2019): Field Guide to the Frogs & Other Amphibians of Africa. – Struik Publishers, Penguin Random House, Cape Town, Südafrika; Softcover, 408 S., über 1400 Farbfotos, über 820 Verbreitungskarten; ISBN 978-1-77584-512-6; $ 20,00 (bei amazon.com); 29,90 € (bei Chimaira)

Viele meiner Reisen führten mich auf den afrikanischen Kontinent. Vor allem das südliche Afrika bereiste ich dutzende Male, immer auf der Suche nach Reptilien, speziell nach Geckos. Natürlich fand ich auch viele Amphibien. Trotzdem ich die Kröten und Riedfrösche immer sehr sympathisch fand, galt mein hauptsächliches Interesse aber immer den Geckos. Bei der Aufarbeitung der Daten und Fotos nach meiner Rückkehr fiel aber stets schnell auf, dass mir die Amphibienbestimmung immer größere Schwierigkeiten bereitete. Auch wenn ich so ziemlich alle Bücher besaß, die über Reptilien und Amphibien Afrikas publiziert wurden, war es doch immer ein Rätselraten, welche Amphibienart da vor mir saß bzw. auf einem Foto abgebildet war. Auch die Variationsbreiten z. B. beim gewöhnlichen Riedfrosch Hyperolius viridivlavus brachten dann zusätzliche Bestimmungsprobleme.
Wow – war meine erste Reaktion, als ich das Buch in den Händen hielt und das erste Mal durchblätterte. Ist es doch bestückt mit außergewöhnlich vielen (ca. 1.400) und vor allem erstklassigen Fotos. Die handliche Größe und ein Gewicht unter einem Kilogramm zeichnen das Werk als geeignetes Bestimmungsbuch auch für unterwegs aus. Auf 408 Seiten werden alle (!) afrikanischen Amphibienarten abgehandelt.
Dieses Epos richtet sich an Wissenschaftler und Biologen sowie an Naturfreunde, Afrikareisende und andere interessierte Laien.
Das Buch startet mit einer Danksagung, dem Inhaltsverzeichnis, und auf den folgenden wenigen Seiten werden die Fortpflanzung aller afrikanischer Amphibien, ihre ökologische Stellung als Beute und Jäger sowie Verbreitung und Lebensräume erklärt. Eine Karte des afrikanischen Kontinents zeigt die Vegetationszonen und Hotspotgebiete (z. B. die Kap-Region in Südafrika, in Tansania und Kenia die Eastern Arc Mountains oder die Berge Westkameruns).
Daran anschließend folgen Informationen über Methoden im Freiland. Wie und wo findet man Amphibien im Freiland und wie geht man mit den gefangenen Tieren um? Weitere Informationen zur Verschleppung des Chytridpilzes Bd und anderer Amphibienkrankheiten oder die Vermeidung einer Infizierung durch Toxine beim Handhaben mit Amphibien folgen.
Nun werden die Nutzung des Feldführers und sein Einsatz in der Praxis erklärt. Wie bestimmt man Amphibien und welches sind die artspezifischen Merkmale? Sehr aufschlussreich für Interessierte, die nicht täglich mit dieser Materie arbeiten. Besonders hilfreich empfinde ich dabei, dass viele Fachbegriffe in einem Glossar nicht nur in Textform erklärt werden, sondern auch anschaulich auf „fotografischen“ Zeichnungen.
Nun folgt ein fotografischer Guide, in dem die einzelnen Amphibiengruppen kurz und knapp mit all den wichtigen Charakteristika in Text und Bild vorgestellt werden. Hierdurch ist es schnell möglich, sein zu bestimmendes Objekt in eine dieser Gruppen einzuordnen und dann innerhalb der Gruppe schneller anzusprechen.
Die Kurzbeschreibungen der einzelnen Arten sind nach Verwandtschaftsgruppen, Familien und Gattungen übersichtlich geordnet. Soweit bekannt, werden der englische Trivial- sowie der wissenschaftliche Name angegeben, gefolgt von Informationen zur Größe, den charakteristischen Bestimmungsmerkmalen, Verbreitung, Lebensraum, Biologie, dem Ruf der Männchen und dem Schutzstatus. Jedes Kapitel enthält eine detaillierte Verbreitungskarte, deren Recherche und Erstellung bei solch einer hohen Artenanzahl mehr als beeindruckend ist.
Fast alle Arten werden auf Fotos abgebildet. Auch hier ist die Qualität aller (!) Aufnahmen besonders hervorzuheben. Exzellente Fotos stellen die einzelnen Spezies dar. Arten, die viele Variationen ausbilden, werden auf mehreren Fotos vorgestellt.
Alan Channing und Mark-Oliver Rödel haben das erste Amphibienbestimmungsbuch, das den gesamten afrikanischen Kontinent abdeckt, erarbeitet. Aufgrund der vielen außergewöhnlichen Abbildungen, der kurzen und knappen Informationen, die zur Bestimmung der einzelnen Arten führen, wird das Werk nicht nur in Afrika arbeitende Herpetologen und Reisende interessieren, es wird eine weltweite Verbreitung finden, da es einen einmaligen Informationsschatz darstellt. Und das alles für unter 30,- Euro. Hut ab!
Mirko Barts

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxKemp, Christopher (2019): Die verlorenen Arten – Große Expeditionen in die Sammlungen naturkundlicher Museen. 282 Seiten, 25 Farb- und Schwarzweißfotos, Verlag Antje Kunstmann, München 2019. ISBN 978-3-95614.291-8. 25 Euro.

Der Autor nimmt die Leser mit auf Expeditionsreisen in die Sammlungen der naturkundlicher Museen und der Schätze, die in ihnen schlummern, oft vor der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Die Sammlungen sind zum Teil sehr alt, vieles wartet bis heute darauf, entdeckt zu werden. Wie sich zeigt, ist es oft Zufall, wenn etwas Neues „auftaucht“, obwohl es schon viele Jahrzehnte eingelagert ist.
Unter anderem geht es auf Tapirjagd in Südamerika. Erst 2013 wurde der Kabomani-Tapir (Tapirus kabomani) als eigenständige Art erkannt, u. a. aufgrund von Vergleichen der Schädelmorphologie. Ein schönes Beispiel, dass die „Entdeckung“ von Arten oftmals anders abläuft, als es sich die Öffentlichkeit vorstellt.
Fische kommen in Kemps Werk ebenfalls vor: Ein Hechtbuntbarsch, von Alfred Russel Wallace gefunden, wartete seit 1852 auf seine endgültige Bestimmung. Sven Kullander vom Schwedischen Museum für Naturgeschichte hat ihm 2015 zusammen mit einem Kollegen den Namen Crenicichla monicae gegeben Von diesem Fisch hatte Wallace zwar eine Zeichnung angefertigt, auf der das charakteristische Muster der Weibchen gut zu erkennen ist, und im Jahr 1923 hatte eine Gruppe schwedischer Biologen um Douglas Melin die Buntbarsche in Südamerika gesammelt, aber seitdem lagen sie eingeglast in Stockholm. Geschichten dieser Art zeigen: Zwischen Entdeckung (im Lebensraum) und formaler Beschreibung liegen manchmal Generationen – siehe auch den Beitrag von Frank Schäfer in DATZ 10/2015, „Manchmal dauert es etwas länger: Crenicichla monicae“.
Weiter zu den Wirbellosen – im Jahr 2015 wurden afrikanische Libellen in der Zeitschrift Odonatologica von Klaas-Douwe Dijkstra beschrieben, darunter auch Gynacantha congolica, eine gut 7,5 cm lange kongolesische Art mit hellgrünem Kopf, die der Beschreiber selber bei Freilandarbeiten gefangen hatte. Aber auch hier geht die Entdeckung weiter in die Vergangenheit zurück, denn bereits 1899 wurden zwei Exemplare gesammelt, seitdem befindlich im Institut für Naturwissenschaften in Brüssel. So hat diese Art also auch fast 120 Jahre von ihrer Entdeckung bis zu ihrer Beschreibung und damit eindeutigen Zuordnung gebraucht.
Der Tenor des Buches ist: Es gibt auch heute noch viele Tier- und Pflanzenarten in den Sammlungen naturkundlicher Museen weltweit, die darauf warten, von einem Forscher gefunden und wissenschaftlich beschrieben zu werden. All diese Schätze hinter Glas sind Puzzleteile, mit deren Hilfe wir die Welt um uns herum besser verstehen und Zusammenhänge deutlich werden.
Das Buch ist spannend und verständlich geschrieben Zu den einzelnen Kapiteln gibt es am Ende eine Literaturliste und ein Stichwortregister. Beim Lesen hatte ich teilweise das Gefühl, den Wissenschaftlern über die Schulter zu sehen, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen.
Elfriede Ehlers

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxArmitage, David (Herausgeber) (2020): Special Issue 3 – The Badids. – Anabantoid Association of Great Britain, Sprotbrough, Doncaster, United Kingdom, 50 S., Softcover; ISSN 0953-0029; 12,50 £ (ca. 13,80 €).

Die rührige Britische Gesellschaft für Labyrinthfische hat ein neues Sonderheft herausgegeben – es handelt sich um die überarbeitete Version einer 2012 von der Französischen Gesellschaft für Labyrinthfische (CIL) veröffentlichten Publikation.
Die Gattungen Badis und Dario haben ihre Anhängerschaft, und es sind Fische, die mit komplexem Verhalten, einem bullig wirkenden Habitus, teils recht bunter Färbung und blitzschnellem Farbwechsel zu begeistern wissen. Darum lohnt der Hinweis auf dieses Büchlein, auch wenn einem Verein in puncto professioneller Gestaltung, Lektorat und Druck natürlich Grenzen gesetzt sind. Das soll die geleistete Arbeit nicht schmälern.
Durchgängig farbig bebildert ist es, und wie für eine diverse Auswahl an verschiedenen Bildautoren nicht unüblich, ist die Qualität der Abbildungen recht unterschiedlich. Nach kurzer Einführung werden die Arten (beschriebene wie noch nicht wissenschaftlich bearbeitete) einzeln vorgestellt. Dabei wird nach Artengruppen gegliedert. Die Porträts machen den weitaus größten Teil der Publikation aus und sind ihrerseits untergliedert in Informationen zu Namensherkunft, erreichbarer Größe, natürlichen Habitaten, Wasserwerten, Verhalten und Geschlechtsunterschiede, immer mal eingestreut sind zudem Hinweise zur Vermehrung. Nicht immer sind für alle Arten diese Informationen komplett vorhanden, deshalb fallen die Porträts sehr unterschiedlich umfangreich aus.
Die Fülle an Fotos auch von noch weitgehend unerforschten Arten macht den Reiz aus, zudem sind die Habitatfotos ebenfalls recht interessant; sie zeigen oft deutlich(st) vom Menschen geformte Lebensräume.
Wer das Sonderheft haben möchte, sollte sich beeilen – es gibt nur wenige frei verfügbare Exemplare für Nichtmitglieder. Für alle eingefleischten Blaubarschfans ein Muss, für Sammler vielleicht auch interessant, und alle anderen können sich damit ebenfalls einen Überblick über die „Chamäleonfische“ verschaffen.
Sebastian Wolf

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxSchäfer, Frank (2019): 150 Jahre Paradiesfische. Bookazine Nr. 7. – Aqualog animalbook, Rodgau, 168 S., Softcover; ISBN 978-3-939759-41-6; ISSN 1430 – 9610; 14,90 € (D), 15,40 € (A)

Das halbjährlich erscheinende Bookazine, eine Zeitschrift mit Buchcharakter (oder besser: ein Buch mit Zeitschriftencharakter?) ist um eine bemerkenswerte Ausgabe reicher. Frank Schäfer widmet sich im Hauptartikel des richtig prall gefüllten und umfangreichen Werkes den asiatischen Paradiesfischen. Insgesamt vier äußerst lesenswerte Artikel haben es in diese Ausgabe geschafft, der Beitrag über Macropodus nimmt den weitaus größten Teil ein (100 Seiten!), drei weitere Artikel sind den Aspekten Fischfang, Terraristik und Teich gewidmet (siehe unten), nebst einem Magazinteil auf den ersten Heftseiten.
Makropoden sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert: Sie faszinieren Anfänger wie Fortgeschrittene, die sich dann der Erhaltung von Populationen mit bekanntem Fundort widmen (dies gelingt nicht immer mit allen eingeführten Lokalformen). Die Gattung ist zwar relativ artenarm, aber dennoch vielgestaltig, man findet in ihr Fische für das typische Aquarium wie auch für den Kübel oder den Teich im Freien.
Der Titel sagt es – anderthalb Jahrhunderte sind Makropoden nun hinter Glas vertreten. Frank Schäfer nutzt dieses Jubiläum am Anfang für die Erläuterungen, dass keine andere Zierfischart einen dermaßen großen Einfluss auf die Entstehung und Etablierung der Aquaristik hatte, wie sie heute noch geläufig ist.
Und dann geht es gleich zur Sache mit der Makropoden-Historie: Aus der ganz frühen Literatur, die sich mit dieser Gattung beschäftigt, wird ersichtlich, dass die anfangs eingeführten Exemplare (zuerst geschah dies nach Frankreich) in verschiedenen Merkmalen deutlich von den heute uns so bekannten Macropodus opercularis abwichen und darum wohl einer anderen Art angehörten.
Die aktuell der Aquaristik weltweit anzutreffenden rotblauen Makropoden mit Gabelschwanz wiederum sind offensichtlich korrekt als M. opercularis im Sinne von Linné, 1758 anzusprechen. Auch die weiteren Ausführungen zur Taxonomie der Gattung lesen sich sehr spannend. Es gelingt Frank Schäfer, die Makropoden-Literatur, Abbildungen aus wissenschaftlichen Werken wie auch aquaristischen Publikationen, Beobachtungen im Aquarium, die damaligen kolonialen und politischen Verhältnisse und weitere überlieferte Infos in einen Kontext zu setzen und so ein Bild der Makropoden-Taxonomie zu entwerfen, das hochinteressant ist: Einige synonymisierte Arten können als valide Taxa gelten, andere sind (aufgrund mangelhafter Beschreibungen) nicht haltbar, und offensichtlich gibt es weitere Taxa, die sich gut abgrenzen lassen, aber noch unbeschrieben sind. In akribischer (und teilweise detektivisch anmutender) Arbeit gibt der Autor einen Überblick über die Gattung, der meines Wissens bisher in dieser Form fehlte – die Sammlung von historischen Abbildungen wie auch von in den letzten Jahrzehnten eingeführten Tieren ist ein wichtiger Teil davon.
Vieles ist immer noch ungeklärt, dazu tragen nicht nur fragwürdige Neubeschreibungen bei, auch fehlende Fundortangaben und (aus politischen Gründen) zurückgehaltene Informationen der ganz frühen Züchter haben ein verworrenes Bild geschaffen, in das der Autor nun Licht bringt. Und man muss es noch einmal herausstellen: Bei Arten, deren Beschreibungen auf sehr einfachen Angaben mit wenig verwertbare Informationen beruhen, kann die Färbung adulter Tiere in Kombination mit bekannten Fundortangaben durchaus dazu beitragen, eine phänotypische Unterscheidung zu ermöglichen und damit Wegbereiter sowie Hilfestellung für weitere Untersuchungen sein. Das geht aber nicht mit Alkoholleichen, sondern in der aquaristischen Praxis, und das vorliegende Buch bezeugt dies anschaulich.
Auch die Ökologie mancher Arten birgt noch die eine oder andere Überraschung, aus der man essenzielle Hinweise für die Aquarienhaltung ableiten kann, wie am Beispiel der Arten M. hongkongensis und M. erythropterus besonders anschaulich wird. Bedeutsam erscheint der Umgang mit der nicht nur zwischen-, sondern auch innerartlich teilweise sehr unterschiedlichen ausgeprägten Aggressivität. Der Autor zeigt, dass dies auch auf die Haltungsform Auswirkungen hat (bzw. haben sollte), speziell auf die Vergesellschaftung mit Artgenossen und fremden Arten – oder auch das Abstandnehmen davon. Die entsprechenden Textabschnitte seien deshalb besonders jedem empfohlen, der sich Makropoden anschaffen möchte, aber bisher keine Praxiserfahrung hat.
Dasselbe gilt für die Hinweise zur Vermehrung – hier steht wirklich nichts Überflüssiges, sondern es wird prägnant auf die erfolgversprechenden Maßnahmen hingewiesen, wie die Auswahl erprobter Futtermittel, die Änderung der abiotischen Faktoren und die minimale technische Ausstattung. Und der Hinweis, lieber nur wenige, dafür aber gut ernährte und gewachsene Jungtiere aufzuziehen, wird viel zu oft vernachlässigt (in der Praxis wie in der Literatur), ist aber absolut zeitgemäß – das gilt ja nicht nur für Makropoden, sondern auch für diverse Arten aus ganz anderen Familien.
Die Fülle an Informationen, an die sicherlich nicht jedermann einfach so gelangt, zeigt u. a. die akribische (und sicher zeitaufwendige) Recherche, die für die umfangreiche Bearbeitung des Themas geleistet wurde. Nützlich ist auch die angehängte Liste mit zitierter Literatur, die 50 Arbeiten umfasst. Wer sich vielleicht im Rahmen eines populärwissenschaftlichen Beitrages selber einmal mit der Auswertung (d. h. nicht nur dem Lesen des „abstract“) von, sagen wir, „nur“ zehn wissenschaftlichen Publikationen beschäftigt hat, der kann sich grob vorstellen, welche Arbeit dahintersteckt.
Besonders gut gefallen hat mir überdies noch die Zusammenfassung, die ganz am Ende direkt nach der Literatur in deutscher wie auch in englischer Sprache steht und einen sehr klaren, kurzen Überblick über den taxonomische Teil des Artikels gibt. Bei der Menge an Informationen erscheint das durchaus relevant und sinnvoll.
Nicht unerwähnt bleiben sollen aber auch noch die anderen Beiträge: zum einen eine fischkundliche Exkursion nach Bolivien mit vielen Abbildungen seltener Panzerwelse und wirklich schöner Ancistrus. Zum anderen ein terraristischer Teil, der die Gottesanbeterinnen behandelt, inklusive einer reichen Auswahl an Bildern auch seltener Arten. Abgeschlossen wird das Bookazine 7 mit einem knapp gehaltenen Beitrag über die Haltung des Russischen Störs. Bleibt nur ein Fazit: von vorne bis hinten lesenswert, hält sich aufgrund des Formates gut in der Hand (wichtig beim Lesen), und der Hauptbeitrag sucht bezüglich Umfang und Inhalt natürlich seinesgleichen. Ich halte es für äußerst empfehlenswert!
Sebastian Wolf

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxMichael Kempkes. NBB-Band 683. 225 Seiten, 82 größtenteils farbige Abbildungen, 29 Tabellen, Paperback, 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Verlags KG Wolf, Magdeburg 2020. ISSN: 0138-1423, ISBN: 978-3-89432-251-9. 29,95 Euro.

Sechs Jahre nach Erscheinen der Erstauflage dieser inhaltsreichen Monographie über den Zwergkärpfling haben sich Verlag und Autor für eine zweite Auflage entschieden. Sie ist hinsichtlich der Anzahl der Druckseiten, Abbildungen und berücksichtigten Literaturquellen um einiges umfangreicher geworden als ihre Vorgängerin. Wobei der Autor nicht nur die neueste Literatur zum Thema berücksichtigt hat, sondern auch einige alte Schriften, die ihm bisher verborgen waren.
Es gibt gute Gründe dafür, dass der Verlag eine zweite Auflage dieses Buchs herausgebracht hat: Da ist zunächst der Verfasser selbst, der sich in den letzten Jahrzehnten einen guten Ruf als sachkundiger Fachautor auf verschiedenen Gebieten erworben hat, insbesondere auf dem der Lebendgebärenden Zahnkarpfen (Poe­ciliidae). Und der sich bei aller erfreulichen Allgemeinverständlichkeit seiner Darstellungen immer auch einem hohen wissenschaftlichen Anspruch verpflichtet fühlt. Er ist ein Garant für verlässliche Informationen.
Als Nächstes ist da die traditionsreiche Neue Brehm-Bücherei, deren Anfänge bis in die späten 1940er-Jahre zurückreichen, mit damals schmalrückigen Heftchen, deren Texte teilweise noch aus der Zeit vor dem II. Weltkrieg stammten. Als Mittlerin zwischen den Naturwissenschaften und dem breiten Publikum hat diese populäre Schriftenreihe im Lauf der Jahrzehnte eine immense Qualitätssteigerung erfahren, die den Fortschritten in den einzelnen Fachdisziplinen entspricht, die in ihr zu Wort kommen. Von diesem hohen Niveau zeugt nicht zuletzt die zweite Auflage des NBB-Bandes 683, die dieser Rezension zugrunde liegt.
Für solche umfangreichen Monographien ist das gedruckte Buch nach wie vor das adäquate Medium; es lässt sich so leicht nicht durch andere ersetzen, sofern es, wie jetzt geschehen, gelegentlich durch neue Auflagen aktualisiert wird.
Und schließlich ist es der Zwergkärpfling durchaus wert, dass man seine Besonderheiten ausführlich würdigt. Die Fülle dessen, was über die inzwischen gut erforschte Art bekannt ist, hat der Verfasser in der neuen Auflage von NBB 683 in gleicher Reihenfolge abgehandelt wie bereits in der ersten: 1. Systematische Stellung im Tierreich, 2. Stammesgeschichte der Zwergkärpflinge, 3. Morphologie, 4. Verbreitung und Ökologie, 5. Verhalten, 6. Fortpflanzung und Ontogenese sowie 7. Zwergkärpf­linge im Aquarium. Als Punkte 8. bis 11. folgen ein Glossar wichtiger biologischer Fachtermini, das umfangreiche Literaturverzeichnis mit 227 Titeln, ein detailliertes Register sowie nützliche Hinweise auf Vereine, die sich mit Lebendgebärenden Zahnkarpfen beschäftigen, inklusive Internetadressen. Dem 3. Kapitel ist ein neues Unterkapitel 3.3.4 über das erst im Jahr 2019 entschlüsselte Genom von Heterandria formosa hinzugefügt, das artspezifische Gene enthält, die bei der Evolution der hoch entwickelten Plazenta dieser Art eine Rolle gespielt haben.
Neben dem Text verdeutlichen zahlreiche Fotos und Tabellen das Anliegen des Buches, wobei die einfühlsamen Nahaufnahmen von Elke Weiand besonders hervorgehoben werden sollten. Angenehm aufgefallen sind die knappen, aber treffenden Aussagen großer Denker und Forscher (wie Aristoteles, Goethe, Darwin oder Dobzhansky), die der Verfasser den Hauptkapiteln vorangestellt hat.
Besonders interessant fand ich u. a. die sich über mehrere Kapitel verteilenden Aussagen zur Stammesgeschichte der Zwergkärpflinge, ihrer Zoogeographie und Ökologie im weitesten Sinne. Beginnend mit der Genese der Poeciliinae in Abhängigkeit von den geomorphologischen Prozessen seit dem Erdaltertum (Stichwort: Schicksal des Gondwana-Kontinents) bis hin zu den rezenten Verbreitungsräumen von Heterandria formosa im südlichen Nordamerika. Ferner die nacherlebbaren Erkundungen des Verfassers selbst in den Lebensräumen der Zwergkärpflinge. Die Wechselbeziehungen zwischen ihnen und ihrer Umwelt, wie ihre Einnischung in spezielle Habitate mit Bevorzugung pflanzenreicher, strömungsarmer Klein­gewässer im Unterschied zu den eher suboptimalen Existenz­be­ding­ungen entlang der Uferzonen größerer Fließgewässer. In Abhängigkeit von ihrer geringen Körpergröße die Frage nach der Vielzahl von Prädatoren und anderen Selektionsfaktoren. In dem Zusammenhang ihre Strategien zur Fressfeindvermeidung sowie ihre interspezifische Konkurrenz zu anderen kleineren Zahnkarpfen, wie Gam­busia holbrooki, als Mitbewerber um Nahrung und Lebensraum. Um aus der Vielzahl der angesprochenen Aspekte wenigstens einige zu erwähnen.
Sehr eingehend wird vom Autor natürlich die besondere Fortpflanzungsweise der Zwerg­kärpflinge erläutert. Sie weicht von der vieler anderer Lebendgebärender Zahn­kar­pfen insofern ab, als es sich bei Heterandria formosa um eine Art mit matrotropher Viviparie handelt, bei der die Embryonen über eine Plazenta und damit über den mütterlichen Organismus ernährt werden. Das stellt eine höhere Form des Lebendgebärens dar als die alternative und häufigere Fortpflanzungsweise per lecidotropher Viviparie. In letzteren Falle wird der Em­bryo über den Dotter in seinem Ei ernährt. Während sich diese endogenen Verhältnisse nur dem embryologisch forschenden Biologen erschließen und günstigstenfalls, wie hier geschehen, von einem versierten Fachmann allgemeinverständlich interpretiert werden, ist die ebenfalls bei Heterandria formosa auftretende Superfötation ein Phänomen, über dessen extern sichtbare Resultate auch interessierte Aquarianer mehrfach berichtet haben. Dabei werden Eier aus unterschiedlichen Entwicklungszyklen simultan befruchtet, so dass es zu „Parallelträchtigkeiten“ mit verschiedenartigen Embryonalstadien und mehreren aufeinander folgenden Geburten von einzelnen oder wenigen Jungtieren in kürzeren oder auch längeren Intervallen kommt.
Wie Michael Kempkes erwähnt, ist der Zwergkärpfling als Aquarienfisch schon seit 1912 bekannt, hat aber niemals eine bedeutende Rolle in der Aquaristik gespielt. Erst durch die interessanten Ergebnisse der Freiland- und Verhaltensforschung sowie der fortpflanzungsbiologischen Untersuchungen können Aqua­rien­­freunde seine Besonderheiten so richtig würdigen – insbesondere jene, die sich in speziellen Arbeitskreisen oder Gesellschaften für die Pflege und Zucht Lebendgebärender Zahn­karpfen zusammengeschlossen haben.
Aber auch andere Vivarianer sind in der Lage, die durchaus erfüllbaren Ansprüche des Zwergkärpflings an die Unterbringung in einem geeigneten Aquarium zu befriedigen, das jedoch – wie der Verfasser ausdrücklich betont – keines der modernen, winzigen Nano-Aquarien sein darf. Informationen über Haltung und Pflege und darüber hinaus über alles andere, was bisher über wildbebende und in menschlicher Obhut gepflegte Zwergkärpflinge von wissenschaftlicher Seite und aus Liebhaberkreisen bekannt geworden ist, findet man in dem vorgestellten Buch, das ich hiermit interessierten Lesern nachdrücklich empfehle.  
Hans-Joachim Paepke