margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Atlant Bieri. 240 Seiten, Klappenbroschur. Orell Füssli Verlag, Zürich, 2018. ISBN 978-3-280-05680-6. 20 €

Im Prolog beschreibt der Autor, welche Pflanzen im Garten seiner Eltern standen: Götterbaum (Ailanthus altissima), Robinie (Robinia pseudoacacia), Drüsiges Spring­kraut (Impatiens glandulifera), Riesenbärenklau (Hera­cleum mantegazzianum) und Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus).
Das war vor 30 Jahren. Damals wurde das bewundert, und im Kirschlorbeer konnte man sich gut verstecken. Diese Pflanzen sind ­invasive Arten, die von an­deren Kontinenten eingeschleppt wurden und heimische verdrängen.
Das erste Kapitel führt den Leser an das Thema heran. Zu den invasiven Arten gehören neben Tieren und Pflanzen auch Pilze und Krankheitserreger. Die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus gilt als „Stich-Datum“: Als Neobiota (gebietsfremde Arten) bezeichnet man Tier- und Pflanzenarten, aber auch ­Pilze und Krankheitserreger, die seit dem Jahr 1492, etwa durch den verstärkten Gü­teraustausch, weltweit verbreitet werden. Begriffe wie „heimische“, „exotische“ und „invasive Arten“ sind auf einer Seite kurz und knapp erklärt.
Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Aufbau von Ökosystemen. In einem Gespräch mit Dennis Hansen (Zoologisches Museum der Universität Zürich) werden die grundlegenden Regeln erläutert: 1. Geben und Nehmen. 2. Anpassung. 3. Niemand ist Superman. 4. Jeder hat einen Feind. 5. Spezialisierung.
Das dritte Kapitel dreht sich um Tiere, Pflanzen, Pilze und Krankheiten, die Seefahrer in ferne Länder gebracht haben. Katzen, Ziegen, Schweine, Ratten und Mäuse sind bekannte Beispiele. Sie fanden in ihrer neuen Heimat keine Feinde, vermehrten sich und dezimierten die dort ­lebenden Arten.
Im vierten Kapitel erfährt der Leser, wie gefährlich eingeschleppte Pflanzen in ihrer neuen Umgebung sein können. Eukalyptus (Eucalyptus spp.) etwa brennt aufgrund seines Öls sehr gut, sodass gewaltige Waldbrände entstehen können – wie 2017 in Portugal.
Das fünfte Kapitel beschreibt Bedrohungen für Seen und Flüsse. Großer Höckerflohkrebs (Dikerogrammus villosus), Wandermuschel (Dreissena polymorpha) und Schwarzmaulgrundel (Neogobius melanostomus) sind Beispiele für Arten, die im Ballastwasser von Schiffen nach Westeuropa gelangten.
Im sechsten Kapitel geht der Autor auf Gefahren für die Meere ein. Auch hier ist es das Ballastwasser, das etwa den Nordpazifischen Seestern (Asterias amurensis) nach Südaustralien, ­Tasmanien und Neuseeland brachte, wo dieser Stachelhäuter aufgrund fehlender Feinde die autochthone Artenvielfalt bedroht.
Das siebte Kapitel schildert Medien, mit deren Hilfe invasive Arten reisen können. Gemüse, Früchte, Jungpflanzen, Schuhsohlen oder das Holz von Paletten ge­hören dazu.
Schäden in der Landwirtschaft, die eingeschleppte Pilzkrankheiten und Insekten wie die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) aus ­Asien verursachen, sind das Thema des achten Kapitels.
Um Auswirkungen auf Gebäude geht es im neunten Ka­pitel. So untergruben Nu­trias oder Biberratten (Myocastor coypus) in der Schweiz einen 450 Kilometer langen Kanal und richteten Schäden in Höhe von acht Millionen Franken an.
Waschbären (Procyon lotor) klettern in Häuser und zernagen alles, was ihnen zwischen die Zähne gerät. Auch invasive Insekten sind in der Lage, Immobilien nachhaltig zu beschädigen.
Mit der Gesundheit des Menschen befasst sich der Autor im zehnten Kapitel. Als Masern und Pocken in die Neue Welt eingeschleppt wurden, verfügte die dortige Bevölkerung über keine Abwehrkräfte. Und tropische Mückenarten übertragen Viren, die in Europa schwere Krankheiten auslösen.
Um die besonderen Lebensgemeinschaften auf Inseln geht es im elften Kapitel. Fehlen Feinde, die sich gegen Katzen, Ratten oder Mäuse zur Wehr setzen können, bedeutet das oft das Ende der dort vorkommenden endemischen Arten.
Das zwölfte Kapitel beschreibt, wie man gegen invasive Arten vorgehen kann und sollte: vorbeugen, damit sie gar nicht erst einwandern können; vollständig entfernen, sofern noch machbar; eindämmen, damit sie sich nicht weiter ausbreiten; Maßnahmen zur Anpassung treffen, um ein Nebeneinander mit heimischen Arten zu ermöglichen (was aber nur mit viel Mühe und hohen Kosten gelingt).
Um Kosten, die invasive Arten in den letzten Jahren weltweit verursacht haben, geht es im 13. Kapitel.
Das 14. Kapitel nennt ­Beispiele für typische Pro-und-Kontra-Situationen: Biberratten werden mancherorts von Menschen gefüttert, was die Tiere zutraulich macht und ihre Bekämpfung erschwert. Das Gleiche gilt
in Köln für die Halsbandsit­tiche (Psittacula krameri), deren Geschrei und Kot einfach nur stören. Der Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii) zieht viele Bienen und Falter an, verdrängt aber heimische Pflanzenarten.
Im 15. Kapitel erfährt der Leser, wie einfach es ist, an Tier- und Pflanzenarten zu kommen, die nicht in unsere Natur gehören. Seit 2014 gibt es zwar die „Unionsliste“ (siehe DATZ 10/2017 und 1/2019), aber Händler durften die dort aufgeführten Tierarten noch ein ganzes Jahr lang weiter verkaufen.
Kapitel 16 erläutert inva­sive Exporte. So führten die Briten etwa den Rotfuchs (Vulpes vulpes) für ihre tra­ditionelle Fuchsjagd in Aus­tralien ein, wo er der autochthonen Tierwelt großen Schaden zufügte.
Auch das 17. Kapitel bringt Beispiele für die gezielte Einfuhr von Arten in fremde Länder. So ist die Aga-Kröte (Rhinella marina) eine effiziente Insektenver­tilgerin und wurde deshalb 1935 nach Queensland verbracht. Zwar fraß sie dort, was sie fressen sollte, aber ihre starken Hautgifte töteten Tiere, die wiederum sie erbeutet hatten.
Allerdings gibt es mit­unter Arten, die sich an Neuankömmlinge anpassen und sie sogar zu nutzen lernen, wie der Leser in Kapitel 18 erfährt. So fanden die Krähen in Queensland heraus, wie sie an die genießbaren Teile der Aga-Kröte gelangen, um sie zu fressen. Solche Anpassungsprozesse verlaufen jedoch sehr langsam.
Dass sich ursprüngliche Schädlinge im Lauf der Zeit auch zu Nützlingen entwickeln können, zeigt das 19. ­Kapitel. Die Robinie ist mit Klee und Erbse ­(Familie der Hülsenfrüchtler, Fabaceae) verwandt. Ihre Wurzeln produzieren Dünger für andere Pflanzen, sodass man sie auf Böden ansiedeln kann, die keine Nährstoffe enthalten.
Das 20. Kapitel weist Wege in die Zukunft. Immer mehr Arten wandern rund um den Globus, folgen Touristenströmen und Warenverkehr. Daraus ergibt sich die wichtige Aufgabe, ge­nauer hinzusehen, um zu ­erkennen, was in importiertem Holz versteckt sein könnte oder ob eingeführte Jungpflanzen wirklich frei von tierischen „Passagieren“ sind.
Atlant Bieri hat zu den behandelten Themen zahlreiche Gespräche geführt, Literatur- und Referenzverzeichnis zeigen es. Der Leser findet sehr ausführliche und gut verständliche Darstellungen der teils komplexen Sachverhalte. Das Buch hat mir viele neue Informationen zu invasiven Arten ge­geben, ich gönne ihm und seinem Verfasser ein lebhaftes Feedback.
Das Einzige, was ich mir noch gewünscht hätte, wäre ein Stichwortverzeichnis gewesen, um schnell und gezielt zu den einzelnen Aspekten des Themas zu finden.

Elfriede Ehlers

 

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Tom Hird. 352 Seiten, gebunden. Terra Mater Books, Elsbethen (Österreich), 2018. ISBN 978-3-99055-004-5. 24 €

Wie hübsch: Ein Autor, der sich im Vorwort dafür bedankt, dass man Geld für dieses Buch ausgegeben hat. Und gleich vorweg: Es lohnt sich! Tom Hird ist Wissenschaftsjournalist, Meeresbiologe, Taucher, engagierter Umweltschützer, und alle seine Talente und Interessen fügt er in diesem Buch aufs Beste zusammen.
Nichts liest sich angenehmer, nichts ist unterhaltsamer und einprägsamer als durchaus anspruchsvol­-le Materie, verpackt in ein populärwissenschaftliches Mäntelchen. Da hat nämlich jeder etwas davon: Der Autor weiß, sein Wissen wird weitergetragen, und der Leser hat ­neben bester Unterhaltung in Appetithäppchen eine nachhaltige Lektüre.
291 Geschichten auf 352 Seiten, schnell ist da er­rechnet, dass es kurze Betrachtungen sind, Spots, Steckbriefe. Themen, die schon Interesse fordern, aber auch unweigerlich wecken, die jedoch so formuliert und geschrieben sind, dass auch Ozean-Laien sie gut verstehen.
Also, auf in die Welt der Gezeiten, Gischt und Wellen, der Strömungen und Küsten! Langsam begibt sich Tom Hird in die faszinierende Welt der Ozeane, so wenig erforscht, so geheimnisvoll und unentdeckt. Behandeln die ersten Kapitel die Küsten, Küstenmeere und Korallenriffe, geht es dann ins offene Meer, in die Tiefsee und in die Eismeere, zu ihren Bewohnern und ihren Eigentümlichkeiten.
Ab 200 Metern Wasser­tiefe „wird das Licht immer schwächer und die Foto­synthese ist keine zuverläs­sige Methode mehr, um das Überleben zu sichern. Die tiefsten Tiefen des Ozeans sind bei schwindelerregenden elf Kilometern …, die durchschnittliche Tiefe liegt immerhin bei beeindruckenden 3,7 Kilometern. Dieser riesige Wasserkörper, der die Tiefsee um­-fasst, bietet 95 Prozent des potentiellen Lebensraumes auf dem Planeten“. Stattlich, wir sollten den Ozeanen unbedingt mehr Aufmerksamkeit widmen, sie nicht durch Gift­stoffe, Plastik, Überfischung zerstören!
Was da unten alles lebt, schwimmt, sich ernährt und fortpflanzt, das beschreibt Hird anschaulich: den Pazi­fischen Viperfisch, Alptraum eines jeden Zahnarzts, den Schleim­aal, der so viel Schleim produzieren kann, dass die Kiemen seiner Fressfeinde im Nu verstopft sind, den Dreibeinfisch, dessen Flossen wie Sensoren Nahrung aufspüren und sie zum Maul fächern.
Spannend auch das Por­trät der Riesenstaatsqualle, die mit ihren langen Tentakeln in der nährstoffarmen Tiefe des Meeres Nahrung findet. „Dieses sehr schlanke, aber enorm lange Lebewesen kann 50 Meter lang werden und hat dadurch Zugang zu einem riesigen Gebiet im Ozean.“
Wer mit so viel Leidenschaft so viele Aspekte und Kurzporträts von Ozean-Bewohnern zusammenstellt, der muss selbstverständlich auch seine Kritik loswerden dürfen, und die ist schließlich mehr als berechtigt:
• Muss der bedrohte Hai, beziehungsweise müssen seine Flossen in der Suppe ­landen?
Müssen Fische für die Aquaristik-Industrie mithilfe von Zyanid gefangen werden?
• Müssen touristische Taucher ihre Initialen in Korallen ritzen?
• Warum könnten mehr Wale überleben, wenn Schiffe etwas langsamer den Ozean überquerten?
• Interessiert’s, wenn man ­japanisches Cäsium aus Fukushima in kalifornischem Thunfisch findet?
• Warum wird wertvoller Beifang über Bord gekippt?
• Wie ist die Ozeanversauerung durch viel zu viel Kohlenstoffdioxyd zu stoppen?
Nachdenkliches beendet das Buch, bildet den Abschluss eines gleichermaßen bunten und kritischen Kaleidoskops. Nicht vergessen werden sollte, so Hirds Plädoyer: Die Ozeane – immerhin bedecken sie drei Vier­­tel unserer Erdoberfläche – sind auf lange Sicht der Schlüssel zu un­serer eigenen Gesundheit und unserem Überleben.
Ein Buch, mit dem man sich Zeit lassen kann, dem es egal ist, wo Sie mit der Lektüre beginnen. Aber wenn Sie damit anfangen, dann werden Sie interessiert auf diese Reise mitgehen!

Barbara Wegmann

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxEine Erzählung aus Kolumbien von Melba Escobar de Nogales (ab neun Jahren). 112 Seiten, mit Illustrationen von Elizabeth Builes, gebunden. Baobab Books, Basel, 2018. ISBN 978-3-905804-83-6. 15,90 €

Pedro war so glücklich, dass er nicht mehr in seine Kleider passt. „Jetzt wirst du endlich das Meer sehen.“
Seine Mutter schwärmt von den vielen Farben des Meeres, als sie im Flugzeug auf dem Weg zu einer Insel in der Karibik sind. Aufgeregt ist Pedro, all seinen ­Mitschülern hat er von der Reise erzählt, aber dann geht ihm plötzlich eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: „Mama, warum ist Papa nicht mitgekommen?“
Die Mutter eröffnet dem kleinen Jungen, dass sein Vater fort ist und sie nicht ­gewusst habe, wie sie es ihm sagen soll. Pedro, wütend, unglücklich, enttäuscht und hilflos, rennt weg, läuft und läuft, ohne Ziel, ohne Orientierung. Sein Schmerz ist groß. „Als das Meer schließlich in der Dunkelheit verschwand, stiegen Pedro die Tränen in die Augen. Er fürchtete sich, aber die ­Müdigkeit war stärker.“ Die Mutter, in großer Sorge, ­startet eine Suchaktion.
Große Schrift, übersichtliches Layout, unterhaltsam nicht nur vom Inhalt. Die farblich dezenten Illustra­tionen von Elizabeth Builes, oft ganzseitig oder kleinere Details aus dem Erzählten aufgreifend, lassen für Fantasie und eigenes Erzählen viel Spielraum.
Im leicht lesbaren Text entwirft die Kolumbianerin Melba Escobar de Nogales in ihrer ersten Geschichte für Kinder eine spannende Szenerie.
Das Schicksal des weggelaufenen Jungen, an einem fremden Ort, alles ist anders als zu Hause, es gibt Seeräuber und Piraten und so viel Neues zu entdecken. Neue Eindrücke, neue Bekanntschaften, wie die zu einem alten Seemann und zu Vic­toria, einer äußerst gesprächigen Papagei-Dame. Die sitzt so dicht neben ihm, dass ihm ihr ekliger Geruch in die Nase steigt. „Sag mal, badest du nie?“, fragt Pedro mit einem angewiderten Gesicht. „Nein. In den letzten dreihundert Jahren kein einziges Mal.“
Eine ans Herz gehende Geschichte, die von einem großen Schmerz und Verlust erzählt, aber auch davon, welche unerwarteten Wege das Leben einschlagen kann.
Ein sehr liebevoll gestaltetes Buch, das man blind kaufen darf, kommt es doch aus einem Verlag, der sich der Förderung „kultureller Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur“ verschrieben hat und Geschichten bietet, die man sich unter dem Affenbrotbaum, dem Baobab, erzählt.
Besonders schön wird die Erzählung, wenn man das Nachwort der Autorin liest, die ab und zu einfach mal weg muss, wie sie schreibt. „Zum Beispiel, um mich treiben zu lassen, weil ich die alten Wege schon viel zu gut kenne.“ So war sie selbst auch auf jener Karibikinsel und lernte den alten Seemann kennen, der übrigens weiß, dass „man erst verloren gehen muss, um sich zu finden“. Johnny, so sein Name, habe ihr beigebracht, dass ein Fremder, so fremd er uns auch erscheinen möge, ein Mensch sei, den wir gern haben können, wenn wir ihn nur nahe genug an uns heranlassen.
Eine Erzählung für junge Leser ab neun Jahren, die aber auch bei den erwachsenen Vorlesern nachhallt.
Barbara Wegmann

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxVon Mareike Vennen. 424 Seiten, 72 zum Teil farbige Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag. Wallstein Verlag, Göttingen, 2018. ISBN 978-3-8353-3252-2. 37 €

Eine Kulturwissenschaftlerin legt allen ambitionierten Aquarianern eine wunderbare Beschreibung der ersten 100 Jahre der Aquaristik vor. Sie behandelt den Zeitraum vom Beginn der Meeresaquaristik in England und führt den Bogen über Europa bis nach Nordamerika. Die Beschreibung endet in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg.
Ihre These zu Beginn des Buchs lautet: „Aquarien stellen … einen entscheidenden, bislang wenig beachteten Schauplatz in der Frühgeschichte ökologischen Denkens dar.“ Ein ­interessanter Ansatz, den Vivarianer ebenfalls immer wieder vertreten, wenn es um die Zukunft ­ihres Tuns geht. Also haben wir mit diesem Werk einen Blick in die Geschichte vor uns, aus dem wir für die ­weitere Entwicklung der Aquaristik lernen können.
Bevor man die Anschaffung des Buchs erwägt, muss man sich aber darüber klar sein, dass eine Geisteswissenschaftlerin die Thematik erarbeitet. Es gibt jede Menge Fußnoten, die oft den meisten Platz auf einer Seite einnehmen, das ist ungewöhnlich für naturwissenschaftlich orientierte Leserinnen und Leser.
Dazu kommt ein sozialwissenschaftliches Vokabular, das manchmal gewöhnungsbedürftig ist. „Mikrohistorische Fallstudien“ und die „strukturelle Unabschließbarkeit des Aquariums“ sind erst einmal gedanklich zu verarbeiten. Und wenn das Buch dann noch zwischen „unterschiedlichen Skalierungsebenen oszilliert“, sollte das nicht zum Zuklappen und Zurückstellen in ein Bücherregal führen.
Blättern Sie weiter, und es eröffnen sich neue Horizonte! In Kapitel 1 beginnt es mit der Einrichtung kleiner, abgeschlossener Welten. Die Geschichte von Nathaniel Ward ist eine dieser Fallstudien. Er versuchte, Gläser so zu bepflanzen, dass sie über möglichst lange Zeiträume ohne äußere Einflüsse funktionieren.
Jedes Kapitel trägt eine schöne Überschrift, das zweite heißt „Stabilisieren I“. Die kryptische Bezeichnung wird schnell erklärt. Es geht um den Londoner Chemiker Robert ­Warington, der die ersten „ökologisch stabilen“ Aquarien erprobte.
Kapitel 3 erzählt die Geschichte des Naturforschers Philip Henry Gosse, dem ­Erfinder des Meerwasser-Aquariums.
Besonders ästhetisch geht es in dem Kapitel über „Naturkundliche Bildumwelten“ zu. Die Erstellung von Lithografien wurde zum Meisterstück der Vermittlung der neuen Unterwasserwelten an ein breites Publikum. Auch hier war Gosse der Initiator. Einige sehr gut reproduzierte Abbildungen illustrieren dieses Kapitel eindrücklich, für mich besonders schön die „Sammelkarte mit Erdbeerrose“ von der Firma „Liebig Fleischextrakt“ (Tafel 16).
Für einen langjährigen Mitarbeiter an der Entwicklung der DATZ besonders wichtig ist das Kapitel „Rahmen I“. Hier geht es nicht um die ersten Gestellaqua­rien. Vielmehr wird die Geschichte der ersten Ratgeber und Artikel rund um das Hobby Aqua­ristik nachvollzogen. Ob dereinst im Jahre 2150 ein elek­tronisches Essay mit 3D-Denkfiguren die Bedeutung der DATZ ähnlich würdigen wird …?
Weiter geht es in „Sta­bi­lisieren II“ mit der fortschreitenden Entwicklung der Aquarientypen und -technik. Der „Durchlüftungsapparat“ auf Seite 223 zeigt dabei den Umfang der Bemühungen, die schon ­damals Vivarianer auf sich nahmen, um ihre Becken möglichst lange und zuverlässig zu betreiben.
Global wird es im folgenden Abschnitt. Wie ein Krimi lesen sich die Schil­derungen, wie die ersehnten Organismen aus ihren angestammten Lebensräumen nach Europa und Nordamerika gebracht wurden.
Ungewöhnlich ist die ­intensive Betrachtung der Glasproblematik. Geradezu als „Glaskultur“ beschrieben, werden die Schwierigkeiten bei der Herstellung hochwertigen Glases erläutert. Aber auch die Bedeutung dieses Materials für die Betrachtung von Wassertieren wird diskutiert.
Es folgt ein Einblick in die frühe Aquarienfotografie, eine Fundgrube für jeden historisch interessierten Fotografen.
Ebenfalls mit viel Erkenntnisgewinn sind die Absätze zur Entwicklung der Schau­aquarien und zu der Bedeutung von Aquarien für die ökologische Forschung verbunden.
Das letzte Kapitel erzählt die höchst interessante Geschichte des Zoologen Karl August ­Möbius, der in der Aus­ein­andersetzung mit dem „Schlamm“ des Ostsee­grunds die Zusammenhänge in ma­rinen Lebensgemeinschaften durchschaut. Erkenntnisse, die ihn später, im Rahmen einer Auftragsstudie von Nordsee-Fischern zum Erhalt der Europäischen Auster (Ostrea edulis), zur Beschreibung des Begriffs „Biozönose“ führt.
Möbius ist übrigens auch der akademische Lehrer von Friedrich Junge, ­einem Dorfschullehrer in Schleswig-Holstein, der mit seinem 1885 vorgelegten Buch „Der Dorfteich als ­Lebens­gemeinschaft“ bis heute die Behandlung des Themas „Stillgewässer“ in Schulen beeinflusst, zumindest in Waldorf-Schulen.
Das Werk endet mit einer Zusammenfassung der umfangreichen Reise durch die Gedanken- und Ideenwelt der frühen Aquarianer – und selbstverständlich mit einem umfangreichen Schriftenverzeichnis.
Insgesamt ist „Das Aqua­rium“ ein höchst lesenswertes Buch. Ich empfehle es jedem, der die Haltung von Tieren im Aquarium verbieten will.
Und ich lege es allen Menschen ans Herz, die sich seit ihrem elften Lebensjahr mit Aquarien auseinandersetzen und mit wunderbaren Momenten belohnt wurden.
So ergeht es mir seit 47 Jahren, und es wird nicht freiwillig enden. Das erzählt mir das vorliegende Buch ebenfalls.
Hans-Peter Ziemek

margin-right: 20px; margin-bottom: 10pxNational Geographic Special 1/2019. G+J Media GmbH & Co. KG, Hamburg. 124 Seiten, circa 72 Fotos, sechs Karten und neun Zeichnungen, Klebebindung. ISSN 2362-9733. 9,80 €

Neun verschiedene Kapitel über die „Wunder der Meere“ machen mich neugierig. Da wird beispielsweise Antje Boetius, Direktorin des Al­fred-Wegener-Instituts (Bremen), über die Faszi­nation, die die Meere auf sie ausüben, interviewt. Sie ist einfach neugierig auf die Geheimnisse des Lebens. Im sich anschließenden Kapitel werden die Fotografen, die die Beiträge des Heftes illus­triert haben, vorgestellt.
„Kimbe Bay – Tauchers Traum“ wird dem Leser in Wort und Bild nähergebracht. Korallenriffe, Anemonenfische, Haarsterne und Schnepfenmesserfische sind dort zu Hause. Eine ­Karte verdeutlicht die Lage dieses Gebietes im Pazifik, das sich durch eine schier unglaubliche Vielfalt an Organismen auszeichnet.
„Die Macht der Acht“ ­beschreibt anschaulich die vielen verschiedenen Arten von Kraken. Eindrucksvolle Farbfotos, Zeichnungen und ein ausführlicher Text schildern die achtarmigen Kopffüßer.
Der Beitrag „Gefahr oder Gefährdet?“ widmet sich dem Weißen Hai. Hier gibt es eine Fülle von Informa­tionen zu Carcharodon carcharias. Wussten Sie, dass der Weiße Hai eine kon­stan­te Körpertemperatur von 26 °C hat? Eine Übersicht über die verschiedenen Haifisch-Arten rundet den Artikel ab.
„Reden Lernen“, die Sprache der Delfine kennenlernen, ist das Thema des nächsten Aufsatzes. Die Art und Weise, wie die Meeressäuger Fische fangen, ist nicht nur ausgesprochen effektiv, sondern auch spannend. Man kann sich nur wundern, wie neugierig und schlau diese eleganten Schwimmer sind.
„Suche nach Schlammvulkanen“ schildert die Expedition der „Meteor“ im Mittelmeer. Dabei geht es auch um die Gefahren, die der Abbau von Methanhy­drat für die Umwelt und
für das Ökosystem mit sich bringen würde. Karten runden den Artikel ab, und das Forschungsschiff als schwimmendes Labor wird näher vorgestellt.
„Tod in der Antarktis“ ist ein Bericht über Seeleoparden, die Pinguine zum Fressen gern haben. Tolle Fotos vermitteln einen bleibenden Eindruck von diesen Prädatoren.
„Mitten im vollen Leben“ handelt von den Veränderungen im Sankt-Lorenz-Golf. In dem Gebiet ­leben 30 gefährdete Arten von Fischen, Vögeln und Meeressäugern. Aber es gibt dort Ölvorkommen, die – natürlich – gefördert werden sollen. Auf einer Karte am Schluss des Kapitels werden die Probleme sehr gut erläutert. Man kann nur hoffen, dass die Natur mit ihrer Vielfalt in diesem einzigartigen Meeresgebiet erhalten bleibt.
Mir hat die Lektüre des gesamten Heftes viele neue, überraschende und hochinteressante Informationen gebracht. Die Zusammenstellung von Fotos, Texten, Zeichnungen und Karten lässt nichts zu wünschen ­übrig!
Elfriede Ehlers