Riesige Kalmare, Wale jagend und im Kampf um Leben und Tod mit ihnen ringend, Kraken, blutrünstig und so groß, dass sie ganze Schiffe in die Tiefe reißen und die Besatzung verschlingen –  solche Schreckensgeschichten über Tintenfische sind ­hartnäckig in der kollektiven Fantasie verankert und beflügeln heute noch die ­gruselerfahrene Unterhaltungsbranche. | von Marco Hasselmann*

Die Furcht vor dem Unbekannten und Andersartigen wird immer wieder aufs Neue strapaziert. Da nützt es auch nichts, dass in jedem Zoofachhandel der weiße Kalkschulp der Sepien als nahrungsergänzender Knabberspaß für Sittich & Co. zu bekommen ist. Nur wenige wissen, dass es sich dabei um die Auftrieb gebende Innenschale von Tintenfischen handelt, ein gasgefülltes Gebilde aus feinen Aragonit-Lamellen, Relikt der harten Außenschale fossiler Tintenfische. Ebenso staunen viele, wenn sie erfahren, dass die Gesamtmasse der Kopffüßer etwa genauso groß ist wie die Biomasse aller Fische in unseren Meeren.
Die Tintenfische (Kalmare, Sepien und Kraken) sind natürlich keine ­näheren Verwandten der Fische, sondern Weichtiere (Mollusca) wie die Muscheln und Schnecken. Daher mag es klüger scheinen, Sie als Kopffüßer anzusprechen, doch decken sich die beiden Bezeichnungen nicht! Das höhere Taxon Kopffüßer (Cephalopoda) schließt nämlich auch die Nautiliden ein, die gar keine Tintendrüse besitzen und aus diesem und weiteren Gründen nicht zu den Tintenfischen gehören.

Im Grundstudium der Zoologie erfährt der Student von drei Spitzen der Evolution im Tierreich: von den Säugern bei den Wirbeltieren, den Insekten unter den Gliedertieren und den Kopffüßern aus dem Stamm der Weichtiere. | von Andreas Spreinat

Es sind besondere Eigenschaften wie die hoch entwickelten Augen in Verbindung mit einem ausgeprägten, in einer knorpeligen Kapsel geschützten Gehirn sowie das bestens ausgebildete Schwimmver­mögen, die den Kopffüßern ihre überragende Stellung im Vergleich zu den übrigen Weichtieren, den Schnecken und Muscheln, verleihen.
Innerhalb der Klasse der Kopffüßer (Cephalopoda) bilden die Tintenschnecken (siehe auch Seite 18) eine eigene Gruppe oder Unterklasse, die weiter unterteilt wird in die Gruppen der Zehnarmigen (unter anderem Kalmare und Sepien) und Achtarmigen Tintenschnecken (etwa Kraken).
Die andere Unterklasse wird nur durch wenige rezente Arten einer einzigen Familie, der Perlboote, repräsentiert. Als Sonderform gilt übri­gens der ungewöhnliche Tiefseevampir (Vampyromorpha), der als „lebendes Fossil“ eine Art Übergang von den Zehn- zu den Achtarmigen Tin­tenschnecken darstellt.

Bei den Kopffüßern (Cephalopoda) des Mittelmeeres unterscheidet man zwei Großgruppen: die achtarmigen Octopoden, zu denen die meist bodenbewohnenden Kraken gehören, und die zehnarmigen Decapoden mit den in Bodennähe lebenden Sepien und den frei schwimmenden Kalmaren. Im Mittelmeer gibt es über 50 Cephalopoden-Arten, die zum Teil die Tiefsee ­besiedeln. | von Robert A. Patzner

Unter den Achtarmigen ist der Gemeine Krake (Octopus vulgaris) die weitaus häufigste Art im Mittelmeer. Er kommt im gesamten Gebiet vom Flachwasser bis in etwa 100 Metern Tiefe vor. Bevorzugt lebt er an Felsküsten, aber auch auf Weich­böden und in Seegraswiesen kann man ihn antreffen. Er ist bodenlebend und bewegt sich normalerweise kriechend, kann aber auch kurze Strecken frei schwimmen. Das geschieht – zumindest wenn es schnell sein muss – mit dem Rumpfende voran, die acht stromlinienförmig angelegten Tentakel werden nachgezogen, als Rückstoß-Antrieb dient das mit großem Druck durch den schwenkbaren „Trichter“ ausgestoßene Atemwasser.
In den meisten Fällen stellt die schwimmende Fortbewegung eine Fluchtreaktion dar, bei der auch ­häufig „Tinte“ ausgestoßen wird. Das dunkelbraune Sekret wird in Wolken ab­gegeben, um Verfolger (größere Raubfische) abzulenken. Meist schlägt der Krake unmittelbar nach der Tinten­abgabe einen Haken, während der Räuber sich auf die Tintenwolke stürzt. Die Tinte besteht hauptsächlich aus Melanin und wirkt lähmend auf die Geschmackssinnesorgane des Feindes.

… kann man in den meisten Meeresgebieten nicht planen, sondern sie geschehen einfach. Und wenn man auf einen Kraken trifft, ist das Rendezvous oft nur von kurzer Dauer, denn das Tier verkriecht sich in ein Versteck und lugt höchstens mit seinen Augen daraus hervor. | von Horst Moosleitner

E s geht aber auch anders: Ein Freund erzählte mir, dass er zwei Wochen lang nach den Riesenkraken (Enteroctopus dofleini) vor Vancouver Island an der Westküste Kanadas vergeblich gesucht hatte. Am letzten Tauchtag war plötzlich einer da; wie aus dem Nichts war er auf­getaucht und näherte sich furchtlos dem Taucher, befühlte ihn mit seinen Tentakeln und zog weiter. Nicht der Mensch hatte den Kopffüßer gefunden, sondern umgekehrt.
Nur selten traf ich in tropischen Meeren tagsüber auf Kraken. Es gibt aber einige Arten, die auch tagaktiv sind und auf der Suche nach Nahrung Korallenriffe und Felsen absuchen. Meist wurde ich auf einen Großen Blauen Kraken (Octopus cyanea) aufmerksam, weil er von kleinen Zackenbarschen und anderen Fischen (meist Lippfischen) begleitet wurde, die darauf hofften, falls der Kopffüßer Beute machte, einen Teil davon abzubekommen. Der Krake spürt mit seinen langen Armen Krebse und Fische in ihren Verstecken auf, umschließt mit der zwischen den Fangarmen liegenden Haut kleinere Korallenstöcke oder ­Felsen und treibt seine Beute mit den Armspitzen zum Mund.

Zu ihnen gehören die weltweit größten Wirbellosen, sie sind die am höchsten entwickelten Weichtiere, ihr komplexes Verhalten ist mit dem der Wirbeltiere vergleichbar. Sie leben nur in den Meeren, besiedeln dort alle denkbaren Habitate: von Gezeitentümpeln und flachsten Uferregionen bis in die lichtlosen Zonen der Tiefsee, vom Äquator bis zu den Polen. Sie ­bewohnen Meeresböden jeglicher Art, schwimmen wie Fische durch das freie Wasser oder lassen sich im Plankton von Strömungen treiben. Kopffüßer bevölkern unsere Erde seit 550 Millionen Jahren. | von Helmut Göthel

Innerhalb des Tierstamms der Weichtiere oder Mollusken (Mollusca) bilden die Kopffüßer (Cephalopoda) nach den Schnecken (Gastropoda) und den Muscheln (Bivalvia) mit ungefähr 1.000 heute lebenden Arten die drittgrößte der acht rezenten Klassen. Fossil sind mehrere zehn­tausend Arten von bekannt! Allein bei den schalentragenden und dadurch fossil reichhaltig belegten Ammoniten werden Artenzahlen zwischen 30.000 und 40.000 in weit mehr als 1.500 ­beschriebenen Gattungen diskutiert. Von den ebenfalls ausgestorbenen und fossil belegten Belemniten dagegen sind „nur“ ungefähr 1.800 Arten und Unterarten bekannt.